Doris Knecht

Wir sind jetzt eins, Cedric und ich

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 03/09 vom 14.01.2009

Du kriegst nicht immer, was du willst. Das hat, hier ist eine kleine Rückschau in die überwundene festliche Saison nötig, eins der Mimis unterm Christbaum bemerkt: Es saß vor einem Geschenkberg vom Ausmaß der Eiger-Nordwand und heulte wie ein Iltis, denn das Christkind brachte ihm keine Stifte und keinen Teddy. Erklärungen, dass es Stifte in der Sekunde bekommt, in der es darum fragt, und 47 Kuscheltiere besitzt, erwiesen sich als unfruchtbar. Das hat es extra auf den Wunschzettel geschrieben! Ja, möglich, dass ich einen der 116 Wünsche auf den 44 Wunschzetteln nicht so ernst genommen habe. Fehler.

Immerhin kriegte auch Mutter nicht, was sie wollte, obwohl sie nur einen Wunsch ans Christkind hatte: dass ihr Kolumnenbildnis weniger wie der Cedric, 16, und mehr wie sie selbst aussehen möge. Aber der Falter hat mich von meinem Irrglauben geheilt. Du glaubst noch ans Christkind? Hahaha. Ha. Jetzt nicht mehr.

Ich glaube aber auch nicht mehr daran, dass es einen Sinn hat, weitere höfliche Mails an den verantwortlichen Künstler, den Artdirektor und den stv. Chefredakteur zu richten, da diese in jüngster Zeit die 100-prozentige Tendenz zeigen, unbeantwortet zu bleiben. Auch die Idee, mich mit der Bitte, gemeinsam eine jeden begeisternde Lösung zu finden, freundschaftlich an den Chefredakteur und Herausgeber zu wenden, habe ich verworfen, seit ich den Chefredakteur und Herausgeber bei der Weihnachtsfeier nach langer Zeit wieder einmal traf und ein Gespräch begann, während welchem er die Lektüre der Zeitung nicht unterbrach.

Ich will Cedric jetzt behalten. Denn je ohrenbetäubender das Schweigen wird, das meine Anfragen auslösen, desto weniger glaube ich, dass eine Kolumnenbildüberarbeitung zu meinen Gunsten ausfallen würde. Erstens. Zweitens bin ich nun endlich in die Phase der Akzeptanz getreten: Nach den Phasen Ungläubigkeit, Realitätsverweigerung, Wut und Trauer akzeptiere ich jetzt. Ich bin nun bereit, den unausgeschlafenen, ecstasyverkaterten kleinen Cedric da anzunehmen, ja: Cedric, ich nehme dich an. Denn drittens habe ich mich jetzt an den Kleinen gewöhnt. Was soll ich sagen, ich gewinne ihn lieb. Ich will, dass es ihm gutgeht, ich will ihn beschützen. Wer wird sich um ihn kümmern, wenn er nicht mehr in meiner Kolumne wohnt? Wird ihn jemand aufnehmen, ihm Obdach geben? Eben. Und viertens habe ich in letzter Zeit angefangen, zu reagieren, wenn ich mit Cedric angesprochen werde, Cedric? Ja?, er geht mir allmählich ins Blut über, er wird ein Teil von mir, meine Nasolabialfalte passt sich der seinen schon an, und solange er nicht mehr als 49 Prozent von mir fordert, ist es okay mit mir.

Deswegen muss ich die Offerte von mehreren Künstlern, die sich meiner erbarmten und die Anfertigung neuer Kolumnenbildnisse anboten, leider ablehnen. Danke, sehr nett. Aber Cedric und ich, wir sind jetzt eins.


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