Doris Knecht

Das Flex ist auch nicht mehr, was es einmal war

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 04/09 vom 21.01.2009

Ich will jetzt nicht näher darauf eingehen, dass noch Zeichen und Wunder geschehen, aber. Es geschehen noch Zeichen und Wunder, baba, Cedric, grüß Gott, alte Frau. Und ich beantworte gerne die Frage, ob in meinem Leben nichts Aufregenderes passiere als bildlicher Ärger: Weil, richtig, tut es nicht. Und das ist überaus erwünscht, nach diesem Partyherbst, der mich ziemlich zerzaust ins neue Jahr schickte. Nun sitze ich abends wieder am gedämpften Schreibtischlampenlicht; lese Thomas Bernhard, trinke mäßig, rauche nicht und genehmige mir als äußerste Tollerei eine pfiffige Statusmeldung im Facebook. (Na gut, letzte Woche habe ich einmal im Flex-Café aufgelegt, und es war so, dass die Musikwünsche Michael Jackson - "Thriller"!!! - Usher und 50 Cent an mich herangetragen wurden. Oida. Das Flex ist auch nicht mehr, was es einmal war.)

Im Facebook habe ich 323 Freunde, und ich könnte 324 haben, wenn die geschätzte junge Autorin auf Anfrage nicht gefunden hätte, sie wolle ihre Freunde lieber auf der Straße wiedererkennen, und das träfe auf mich nun mal nicht zu. Ich mailte zurück, dass ich der Meinung zuneige, man solle wahre Freundschaft und Facebook-Freundschaft nicht miteinander verwechseln - aber man dürfe natürlich, und darauf antwortete sie nicht mehr. Eh klar kenne ich drei Viertel meiner FB-Freunde nicht persönlich, das ist ja auch nicht der Sinn der Sache, Facebook ist ja kein Poesiealbum und kein Weiberabend, sondern ein virtuelles Stammkaffeehaus, wo man auch nicht jeden persönlich kennt und kennen will und von den meisten auf keinen Fall mehr wissen möchte als die Konversationsfetzen, die es zufällig vom Nebentisch herüberweht. Die können sehr öd oder sehr inspirierend sein. Oder sehr nervig, wie beispielsweise die Anmache von Dick Johnson, dem ich hiermit versichere, dass ich ihn aus meinem Freundeskreis entferne, wenn er mir jetzt noch ein einziges Herz schickt und oder noch einmal sehen will, "how similar you are on the, Excuses to have Sex' quiz. Take this quiz to see your match score with Dick". Ich matsche nicht mit Dick, das weiß ich unheimlich genau und werde es ihm mit der Löschtaste beweisen, was im Kaffeehaus übrigens leider nicht funktioniert. Und es ist dort auch nicht möglich, täglich meine echten Erkenn-ich-auf-der-Straße-Freunde aus der Schweiz und Übersee anzutreffen, im Facebook aber schon. Wie Haemmerli, der gerade in Saigon lebt, guten Morgen, guten Tag, auch schon wach, was liegt an heute.

Haemmerli, der sich vor drei Wochen oder so eingeloggt hat, hatte in zwei Stunden 180 Freunde und hat mittlerweile ungefähr 520, was Haemmerlis informationssüchtiger, diskursgieriger Persönlichkeit entspricht, während es meinem phlegmatischen Charakter entspricht, lieber nur den anderen beim Diskursen zuzusehen. Doris Knecht ist der Gruppe "Faule Voyeure" beigetreten. Neuer Status, genau.


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