Neu im Kino

Assayas' "L'Heure d'été", ein Tschechow von heute

Lexikon | Michael Pekler | aus FALTER 04/09 vom 21.01.2009

Das freudige Ereignis ist bereits von dunkler Vorahnung überschattet: In einem alten Landhaus feiert eine Familie den Geburtstag der Großmutter, doch während unnötige Rituale und Geschenke einander folgen, stellt bereits die Frage nach der zu erwartenden Verlassenschaft die Hinterbliebenen vor eine Prüfung.

Mit wenigen, aber umso präziseren Szenen zeichnet Olivier Assayas schon zu Beginn seines jüngsten Films, "L'Heure d'été", die Beziehungen zwischen drei Geschwistern (Juliette Binoche, Charles Berling, Jérémie Renier), die sich nach dem Tod der Mutter um die Aufteilung des familiären Kunsterbes kümmern müssen. Mit jedem kleinen Gespräch ändert Assayas entsprechend die Dynamik, zeigt das Auflösen und Neuentstehen von Bindungen, während die Kamera Eric Gautiers die Innenräume und Gärten durchmisst, als könne dort im Halbdunkel oder unter Blätterdächern etwas Verborgenes gefunden werden.

Würden am Ende ein paar auserwählte Stücke nicht im Musée d'Orsay landen, man würde nicht merken, dass es sich bei diesem Film ursprünglich um eine Auftragsarbeit des Pariser Museums handelte: Denn die kostbaren Dinge des Lebens sind für Assayas - wie schon in "Fin Août Début Septembre" - natürlich unbezahlbar und finden wie immer zwischen den Menschen statt, und sei es nur bei einer kindlichen "Schatzsuche" zu Beginn oder bei einer vielleicht ersten Liebe am Ende im sommerlichen Garten. Die große Frage nach jenen Dingen, die es wert sind, bewahrt zu werden, überträgt "L'Heure d'été" - selbst eine kleine Kostbarkeit - somit zunehmend auf die Figuren selbst, und die Antwort, so lautet das Fazit, muss jeder für sich selbst finden. Nach diesem Film ist das jedoch nicht mehr schwierig.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Votiv)


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