Theater Kritik

Schlicht und ergreifend: Malina auf der Probebühne

Lexikon | Hermann Götz | aus FALTER 04/09 vom 21.01.2009

Mit "Malina" hat Ingeborg Bachmann einen faszinierenden Text geschrieben. Patrik Schlössers Bühnenversion ruft das wieder in Erinnerung. Schlicht und ergreifend. Das ist keine geringe Leistung. In ihrem einzigen Roman hat Bachmann die Stimme ihrer traurigen Gedichte, ihrer oft hoffnungslosen Erzählungen einer Frau geliehen, deren Blick auf das Leben verzehrt wird von Stimmungen, von vor Unruhe vibrierenden Augenblicken.

Weniger die Ereignisse sind Gegenstand der Erzählung als die Selbstwahrnehmung eines Ichs, das in seine Gefühle verstrickt wird wie in ein Komplott. Bachmann vergisst nicht darauf, dies ihrer Erzählerin auch vorzuhalten. Und Schlösser vergisst folgerichtig nicht, das Theater immer wieder als Theater zu entlarven. Dass ihm genau das letztlich nicht gelingt, ist die größte Stärke des Abends.

Drei wunderbare Darstellerinnen sprechen das von Bachmann konstruierte Ich - Verena Lercher, Martina Stilp und Gast Gertrud Roll. Wie in einem musikalischen Arrangement werden Zäsuren gesetzt, wird auf die drei Stimmen verteilt mit Tönen und Themen jongliert. Als die Aufführung an diesem Abend aufgrund eines allzu beweglichen Publikums mehrmals unterbrochen wird, wirkt das für einen Augenblick wie Absicht. Doch trotz kühl gesetzter Szenen, trotz - oder auch wegen - der klaren Dramaturgie der Darstellung entwickelt der Text einen solchen Sog, dass hinter den drei Darstellerinnen zuweilen nur mehr eine Stimme wahrzunehmen ist. Und der Zuseher taucht in die kleine Wiener Welt zwischen Ungergasse und Beatrixgasse ein, als würde eben jener Film gezeigt, den die Lektüre von Bachmanns "Malina" verspricht.

Schauspielhaus Graz, Fr 20.00


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