Kritik

Moskau 2027: Sorokin im Schauspielhaus

Lexikon | Wolfgang Kralicek | aus FALTER 05/09 vom 28.01.2009

Der russische Literaturkonzeptkünstler Vladimir Sorokin entwirft in seinem jüngsten Buch „Der Tag des Opritschniks“ durch den Zerrspiegel einer negativen Utopie eine zynische Analyse des heutigen Russland. Der 2027 angesiedelte Roman zeichnet das Bild eines autoritären Ständestaats, der sich von der Außenwelt abgeschottet hat und innenpolitisch so barbarisch regiert wird wie unter Iwan dem Schrecklichen, der zur Kujonierung von Regimegegnern die sogenannten Opritschniki eingesetzt hatte. Eine solche Organisation führt auch in Sorokins Vision wieder ihr Unwesen; einer der Schergen ist der Erzähler des Romans.

Die Bühnenfassung im Schauspielhaus ist ein Solo für Max Mayer. Der Opritschnik ist hier ein Halbstarker in Adidas-Trainingshose, der sich eingroovt wie ein Boxer auf den Kampf. Statt mit Fäusten auf einen Sandsack drischt Mayer, der von Beginn an unter Strom steht, Sätze ins Publikum. Wenn nötig, wiederholt er sie so lange, bis sie sitzen – eine sportlich einwandfreie Leistung. Als Theaterabend aber ist die Performance mäßig überzeugend. Regisseur Kai Ohrem hat sich weitgehend damit begnügt, den Roman stark einzustreichen; die szenische Fantasie der Inszenierung ist begrenzt. Die Aufführung ist das exaltierte Gegenstück zu Iwan Wyrypajews introvertiertem Massenmördermonolog „Juli“, dem anderen Russensolo im Schauspielhaus. Beide Texte zusammen auf die Bühne zu bringen hätte vielleicht mehr Sinn gemacht.

Schauspielhaus, Fr und Mi 20.00


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