Doris Knecht

Schön, dass es dir auch nicht besser geht

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 05/09 vom 28.01.2009

Ich glaube immer noch, dass man das Richtige tun muss. (Der Lange glaubt das auch, er glaubt aber nicht, dass es sich beim Richtigen um Ballett handelt. Max und Moritz. Er muss da jetzt mit den Mimis hin. Die Horwathische hat Karten besorgt, und ich bekam durch einen meinerseitigen Überhang an Kinderglücksaktivitäten den Kopf gerade noch aus der Schlinge. Der Lange ist wegen dem Ballett so stinkig, dass ich mich, nachdem ich die Mimis mit Dead-Kennedys- und Slayer-T-Shirts fein gemacht habe, mit dem Notebook am Klo verstecke. Ich höre ihn aber poltern.) Nur wird das Richtigtun desto schwieriger, je älter man wird. Je älter man wird, desto leichter macht man sich bei der Verfolgung und Fokussierung des Richtigen lächerlich, erstens sieht man nicht mehr so gut, zweitens ist das Richtige halt oft mit leidenschaftlichem Überschwang und gerechtem Zorn und geistesgestörter Risikobereitschaft verbunden, was einen bis 30 oder 35 lässig kleidet und danach leicht in einen närrischen Eiferer verwandelt, Sektierertranspiration inklusive. Wenn man dann auch noch die falschen Schuhe anhat ... Und jetzt soll mich bitte keiner fragen, worauf ich genau hinauswill, kruzi: So definitiv weiß ich es auch nicht. Wie jedes Jahr um diese Zeit lässt mich winterdepressive Verstimmung in ein tralalaphilosophisches Loch stolpern, das mich mit Erkenntnissen versorgt, mit denen man gerade einmal eine Facebook-Existenz aus subtil-gestörten Statusmeldungen zusammenbasteln kann. Man trifft dort aber glücklicherweise auf Figuren, denen’s auch nicht besser geht. Honzo ist jetzt zum Beispiel auch da und lässt mich an seinem „scheuernden Gefühl von Langeweile“ teilhaben. Danke, Honzo.

Übrigens, guter F., dein Facebook-Suizid war ein Fehler; die Begründung, die Kuscheligkeit dort sei unecht, lasse ich nicht gelten. Es ist kuschelig, genau so distanziert-kuschelig, wie man es außerhalb des familiären Sicherheitstrakts gerade eben ertragen kann. Nur dass das Kuschelige eben nicht aus Nähe entsteht, sondern aus Komplizenschaft, weil man im Facebook jeden Augenblick versichert wird, dass man in seiner kindischen, geltungssüchtigen, ambivalenten Versagerexistenz tatsächlich nicht allein ist (man braucht dazu nur die richtigen Freunde). Und dass die individuelle Orientierungslosigkeit Teil eines riesigen, vielgliedrigen sozialen Konstrukts ist. Eines endlich beweisbaren Konstrukts. Sag mir einen Ort auf der Welt, F., wo du diese Erkenntnis so billig kriegst. O.k., die katholische Kirche, aber sonst ...

Schau, der coole junge Magazin-Moverundshaker weiß jetzt auch schon einen perfekten Fenchel zu schätzen und fällt in die alten Gun-Club-Platten. Schau, die Partyschwester widmet ihre Freizeit mittlerweile auch dem korrekten Spicken von Lammrücken. Schau, der Lange muss ins Ballett. Schau, wir sind alle auf der Suche nach dem Richtigen. Wir machen uns komplett lächerlich, und wir sind dabei weniger allein.


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