Fragen Sie Frau Andrea

Kolumnen | aus FALTER 05/09 vom 28.01.2009

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Engel, Boten, Satan und das Christkind

Liebe Frau Andrea,

am Weihnachtsabend habe ich festgestellt, dass Engel immer als Kinder dargestellt werden. Noch nie habe ich einen erwachsenen Engel gesehen. Was wird eigentlich aus Engeln, wenn sie erwachsen sind?

Ihr Lukas Stühlinger, per Elektropost

Lieber Lukas,

besorgen Sie sich „Der Himmel über Berlin“. In Wim Wenders’ mystisch-flirrendem Film spielen Bruno Ganz und Otto Sander die Engel Damiel und Cassiel, die bei aller Entrücktheit doch sehr erwachsen sind.

Die Religionsgeschichte kennt den Engel (lat. angelus, von gr. ángelos, „Bote“) als volljähriges, nachrichtendienstlich tätiges Wesen, das Gott oder den Göttern zur Seite steht. Im Gegensatz zu den mesopotamischen Engeln sind ägyptische Flügelgötter in der Regel weiblich: Isis, Nephtys, Neith, Selket und Imentet, gelegentlich auch Maat, die Göttin der Wahrheit und Gerechtigkeit. Ihre Flügel setzen, anders als bei den Vorbildern des Vorderen Orients, nicht am Rücken, sondern in Form von Federreihen an den Armen an. Auch die beiden Seraphim, die laut Bibel ihre Schwingen über das allerheiligste Möbel der Juden, die Bundeslade, breiten, sind Erwachsene. Das Judentum kennt neben den in der Bibel genannten Erzengeln Gabriel und Michael auch noch die großen Buben Uriel, Raphael, Sariel und Jerahmeel.

Ganz eindeutig ein Mann ist auch Satan, der gefallene Diener Gottes, später als Luzifer (Lichtbringer) identifiziert und mit dem Teufel in Verbindung gebracht. Luzifer hieß aber in der Antike der Morgenstern, die sehr weibliche Liebesgöttin Venus. Eindeutig weiblich ist auch die geflügelte griechische Siegesgöttin Nike. Pädoerotischen Hintergrund haben die barocken Putten (von lat. putus, Knäblein), Engel mit der Anatomie nackter männlicher Kleinkinder.

Geschlechtslos scheint das Christkind zu sein. Allein, es ist zu groß und zu mädchenhaft, um der neugeborene Jesus zu sein. Seinen Ursprung hat es in Leonardos Darstellung des androgynen Verkündigungsengels. Seit 1969 hat das Christkind offiziell ein Geschlecht. Anlässlich des Nürnberger Christkindlmarktes wird alle zwei Jahre eine 16-jährige Frau aus der Stadt mit blondgelockten Haaren, einer Krone und einem weiß-goldenen Flügelkleid als Christkind verkleidet.


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