Wieder gelesen

Bücher, entstaubt

Politik | B. Tóth | aus FALTER 06/09 vom 04.02.2009

Eine Reise ins Berlin von einst

Berlin vor der Teilung, vor dem Naziterror – wie hat diese Stadt ausgesehen, die über ein halbes Jahrhundert fremdbestimmt war? Es gibt dazu kaum ein vergnüglicheres Zeitdokument als die Berichte des Kulturjournalisten Alfred Kerr. Gerade einmal 27 Jahre alt, begann er 1895 aus der Kaiserstadt für die angesehene Breslauer Zeitung zu schreiben. Fünf Jahre lang erschienen seine zum Teil sehr persönlichen Kolumnen.

Sie bieten nicht nur Einblick in die aufgewühlte Lebenswelt eines jungen Erwachsenen in einer wachsenden Metropole, sondern beschreiben auch die Aufbruchstimmung zwischen antiquiertem Kaisertum, gebildetem Bürgertum und vergnügungssüchtigen Neureichen. Kerrs Stil wirkt nicht antiquiert, die mit wenigen Worten skizzierten Persönlichkeiten sind lebendig und könnten uns auch heute noch begegnen. Ein Buch, das in Erinnerung ruft, wie wertvoll das in Wirtschaftskrisenzeiten aussterbende Genre des Korrespondentenberichts sein kann.

Alfred Kerr: Wo liegt Berlin? Briefe aus der Reichshauptstadt. Siedler, 765 S., € 15,–


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