Die Kunst im Reich der scharfen Sinne

Lexikon | Nicole Scheyerer | aus FALTER 07/09 vom 11.02.2009

Die Kunsthalle entdeckt die Pornografie

Pornografie ist nicht mehr das, was sie einmal war. Attackierten feministische Pornogegnerinnen vor 30 Jahren noch eine Industrie, die mit eindeutig sexistischen Produkten ihr Geschäft machte, so stellt sich das Feld heute ungeheuer expandiert und vielfältig dar.

Lesbische und queere Pornos haben den Vorwurf vom erniedrigenden "Objektstatus" der Frau aufgeweicht und die ungeheure Verbreitung von Homevideos veränderte den kommerziellen Ausbeutungsaspekt von Pornografie. "Alternative Porn" nennt sich ein seit den 90er-Jahren ständig wachsendes Genre, dessen Filme meist von kleinen, unabhängigen Produktionsfirmen herausgebracht werden. Die Darsteller stammen aus der Punk-, Rave- oder Skaterszene. Tattoo, Piercings und andere Körpereingriffe spielen für deren Alternativästhetik eine große Rolle. In der großen Kunsthallen-Ausstellung "Porn Identity. Expeditionen in die Dunkelzone" sind auch die subversiven Alt-Porn-Filme von Eon McKai zu sehen.

Die von Florian Waldvogel und Thomas Edlinger kuratierte, nicht jugendfreie Themenschau zeigt aber in erster Linie Kunst, die die Identitäts- und Lustverhältnisse von Pornografie ohne saftige Bilder behandelt. So nimmt sich etwa Katrina Daschner in lesbisch-feministischer Absicht des Lolita-Stoffs an oder Tatiana Trouvés Skulptur "Totem" referiert auf fetischistische Rituale. Johannes Wohnseifer erinnert in seiner Installation an den Skandal um den breitenwirksamen Porno "Behind the Green Door", in dem 1972 ein ehemaliges Werbemodell für Seife auftrat.

Für Tabubrüche und auch humorvolle Gender-Troubles sorgen der Filmemacher Bruce LaBruce oder die Performancekünstlerin Annie Sprinkle. Und wer in der Kunsthalle nicht genug bekommt, kann sein Pornowissen ab April noch im Rahmen der Filmreihe "Hauptsache Fleisch" im Metro Kino vertiefen.

Kunsthalle Wien im Museumsquartier, Eröffnung: Do 12.2.,19.00; bis 1.6.


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