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Spaziergang ins Blaue: "Man on Wire"

Lexikon | Michael Pekler | aus FALTER 07/09 vom 11.02.2009

Der Seilakt zwischen den Türmen des World Trade Center ist natürlich der Höhepunkt, und für diesen muss Philippe Petit fleißig trainieren. Der Autodidakt und Selbstdarsteller hat es sich nämlich in den Kopf gesetzt, am 7. August 1974 eine Dreiviertelstunde lang auf einem 75 Meter langen Stahlseil zwischen den Zwillingstürme zu balancieren.

Der britische Dokumentarist James Marsh hat nun den Hochseilakt des eigenwilligen Franzosen rekonstruiert und ist im Gegensatz zu Petit kein Risiko eingegangen: Mithilfe von Archivmaterial, nachgestellten Szenen, Fotografien und den Schilderungen alter Weggefährten und Helfer steht "Man on Wire" ganz im Zeichen der Bewunderung eines Ausnahmetalents. Bereits zu Beginn montiert Marsh Jugendaufnahmen Petits und die sich gerade im Bau befindlichen Türme als split screen und suggeriert fortan eine Symbiose zwischen Mann und Monument. Wie bei Petit ist hier alles auf ein einziges Ziel ausgerichtet, und so wird sogar der Spaziergang zwischen den Türmen von Notre-Dame zur reinen Aufwärmübung.

Nachdem der Ausgang bekannt ist - Petit bekam eine heute nutzlos gewordene Dauerkarte für die Aussichtsplattform -, setzt Marsh in erster Linie auf konventionelle Methoden, um die Spannung aufrechtzuerhalten: Da verstecken sich Petit und seine Helfer in letzter Sekunde vor Wachposten, erwischen in 417 Meter Höhe gerade noch das Seil oder suggeriert die Musik Michael Nymans entsprechend Nervosität.

Der internationale Festivalerfolg dieses Films verwundert somit nicht weiter: "Man on Wire" zehrt von der Reminiszenz an dieses "künstlerische Verbrechen des Jahrhunderts" (Paul Auster) ebenso wie von der Gewissheit, dass dieses heute unwiederholbar geworden ist.

Ab Fr im Top-Kino (OmU)


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