Fragen Sie Frau Andrea

Der Markt und sein giftiger Hut

Kolumnen | aus FALTER 07/09 vom 11.02.2009

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

während sich vor unseren Augen die Krise entblättert wie ein abgewracktes Fotomodel, spricht man gerne vom Markt, der wahlweise alles selbst regle, dem penibel auf die Finger geschaut werden müsse bzw. der überhaupt die Wurzel allen Übels sei. Wer bitte ist dieser "Markt"? Es grüßt aus Zwischenbrücken,

Kristina Malmberg, per Elektropost

Liebe Kristina,

der Chef aller Märkte, ob Wochenmarkt oder Wallstreet, der Häuptling allen Kommerzes ist Merkur, der Götterbote. Er trägt weder Standlertracht noch Brokerkluft, sondern schlicht und einfach - gar nichts. Der oberste Marktschreier ist nackt bis über die Augenbrauen. Auf dem Kopf trägt Merkur den Petasos, einen schlappkrempigen Seppelhut aus Filz. Außergewöhnlich an der Bauernmütze sind allenthalben die kleinen Flügel. Der Sohn von Maia Maiestas - der Frühlingsgöttin Fauna - und dem Chef aller Chefs, Jupiter, ist stets nackt und stets in Eile und von Berufs wegen Gott des Handels, des Profits und des Reisens.

Seinen Namen hat Merkur von merx, der Ware. Der Platz, wo solche merces getauscht werden, ist mercatus, der Markt. Der indoeuropäische Begriff kommt von den Markierungen auf diesen merces, Waren. Weil Mercurius, der Gott des Handels, stets unterwegs war, von Markt zu Markt, wie sich vermuten lässt, stand er auch Pate für astronomische Konnotationen. So heißt der sonnennächste und schnellste aller Planeten, der in einem Jahr von nur 88 Tagen um die Sonne läuft, ebenfalls Merkur. Auch Quecksilber, engl. mercury, heißt wegen seiner Quirligkeit nach dem Götterboten. Bevor wir zu unserem mundanen Mittwoch fanden, nannten wir die Wochenmitte nach Wotan. Der Wotanstag, Wunsdag, engl. wednesday, ist der romanische Merkurtag, die Franzosen kennen ihn als mercredi, die Italiener als mercoledi.

Für die Hutmacherzunft war Merkur, der oberste Hutträger ein crazy Gesell. Um Biberfilz für hochmodische Hüte herzustellen, arbeiteten die Mützenmacher früherer Zeiten mit Quecksilbersalzen. Die Symptome von Quecksilbervergiftungen (unkontrollierte Nervenzuckungen, Zittern und Halluzinationen) trugen vergifteten englischen Hutmachern den bösen Spitznamen mad hatter ein - verrückte Hutter.


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