Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 08/09 vom 18.02.2009

Mann, Frau, Tasche

Die Stadt ist eine Bühne, wir alle spielen Theater und so weiter. Sagen Soziologen und hängen Abhandlungen dran, die davon handeln, dass zum Beispiel im alten Griechenland Nacktheit als etwas sehr Kultiviertes galt, Distinktionsgewinn brachte gegenüber den Barbaren, die sich mit Fellen behängten (haben wir schon mal erwähnt). Jetzt ist es aber so, dass jeder Schauspieler, spätestens wenn er arbeitslos ist und vom AMS einen Workshop aufgebrummt kriegt, lernt, dass das Spiel vor der Kamera was ganz Anderes ist als das Spiel auf der Bühne. Die Grünen überlegen sich gerade, ob sie die Straßenbahnen mit Kameras oder doch lieber mit realen Zuschauern sicherer machen wollen. Wer sich viele österreichische Filme (vor allem aus den Neunzigern, das wurde schon besser) anschaut, weiß: Es gibt nichts Schlimmeres als Schauspieler, die vor der Kamera so spielen, als wären sie auf der Bühne. Das wirkt aufdringlich expressiv, künstlich und viel zu laut. Die Stadt jedenfalls ist voll mit Kameras (kann man auf www.orwell.at gut sehen), also viel mehr Filmset als Bühne. Wenn Schauspieler vor der Kamera keinen Dialogtext wissen, kann man das mit Schwenks, Schnitten, Voice-overs kaschieren. Live sieht das peinlich und entlarvend aus. Wenn die beiden Mann und Frau sind und Taschen tragen, eng beieinander stehen und nichts zu verhandeln haben, wissen wir, dass sie gleich sagen werden: Fahrscheinkontrolle.

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten


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