Neu im Kino

Amerikaner in Paris: "96 Hours"

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 08/09 vom 18.02.2009

Fürs Protokoll: "96 Hours" ist dementer, reaktionärer Dreck mit mittelprächtigen Actionszenen, die verbissen hinter ihren Vorbildern im neueren Geheimdienstkino ("24", die "Bourne"-Franchise) her humpeln. Ein faszinierendes Objekt ist Pierre Morels Kidnappingthriller trotzdem: Weil er so gründlich daneben ist, dass er schon wieder eine bemerkenswerte innere Strenge und Konsequenz besitzt. Mit Camp hat das wenig zu tun, mehr mit traumlogischer Verdichtung durch Kolportage: Widerwillig erlaubt Bryan Mills (Liam Neeson), CIA-Agent im Frühruhestand, seiner 17-jährigen Tochter, mit einer Freundin nach Paris zu reisen. Die Welt da draußen, warnt Papa vorher noch, ist gefährlich, und überhaupt: Warum sollte man nach Paris wollen?

Stunden nach ihrer Ankunft wird die Tochter von osteuropäischen Mädchenhändlern entführt. Ihre Spur führt den Kampfsport- und Folter-kompetenten Vater geradewegs zu den Übeln des Alten Europa: korrupten Bürokraten, dekadenten Superreichen und dunkelhäutigen Migranten, die die Toleranz des Staats missbrauchen, um weiße Jungfrauen unter Drogen zu setzen und zu prostituieren. Spätestens wenn im Finale Krummmesser und antiislamische Klischees durch die Yacht eines Scheichs fliegen, ist unklar, wer hier eigentlich wen für blöd verkaufen will: Hatten die ausschließlich französischen Geldgeber mit dieser "24"-Paraphrase gar eine Satire auf rechtspopulistisches Ressentiment im Sinn, oder sieht so einfach Co-Drehbuchautor und -Produzent Luc Bessons neue internationale Werbestrategie für den Filmstandort Paris aus? An den US-Kinokassen war "Taken" (so der Originaltitel) Anfang Februar überraschende Nummer eins.

Ab Fr in den Kinos (engl. OF im Artis)


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