Doris Knecht

Kleiner Exkurs über die Würdelosigkeit

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 09/09 vom 25.02.2009

Stellen Sie sich eine erwachsene Frau vor, die morgens um acht ungeduscht und mit anthrazitgrauen Augenringen vor ihrer Wohnungstür sitzt. Mit der einen Hand drückt sie mit ungefähr 130 beats per minute auf die Klingel, mit der anderen raucht sie und haut periodisch den Ellenbogen gegen die Wohnungstür. Es macht einen Höllenlärm. Sie hört es, das ganze Haus hört es, die angrenzenden Teile des Nachbarhauses hören es, der Lange hört es nicht. Der Lange schläft.

Die Mimis haben den Langen in der Früh auf eine Weise vorgefunden, die ich jetzt nicht näher erläutern möchte; andererseits haben sie es in der Zwischenzeit verlässlich voller Begeisterung der ganzen Schule erzählt. Der Papaaa!

Der Lange hat in der Nacht davor im Flex aufgelegt und deshalb die Lizenz zum Schlafen. Die Mutter, die sich um halb drei in der Früh im Rabenhof vom Direktor des Rabenhofs, vom Austrofred, von einem lebensfrohen Fotografen und von noch ein paarn, die auch ausschlafen durften, verabschiedet hatte: nicht.

Die Mutter ist nach ungerechten drei Stunden Heia aufgestanden, hat den Mimis und dem Babysitter Frühstück und eine ernährungswissenschaftlich wertvolle Jause gemacht, hat den Langen ins Bett geschimpft, die Mimis mit Anziehbefehlen terrorisiert, Zöpfe geflochten, Mitteilungshefte kontrolliert, das Zeug fürs Hort-Eislaufen am Nachmittag zusammengesucht und dann die Wohnung verlassen, um die Mimis pünktlich zur Schule zu bringen, mit dem Plan, danach um-ge-hend wieder das Bett aufzusuchen.

Leider habe ich vergessen, den Schlüssel vom Langen innen abzuziehen. Jetzt sitze ich vor der Tür und lerne, dass Türklingeln nur eine begrenzte Zeit klingeln, denn nach exakt einer halben Stunde Dauerklingeln stellen sie ihren Betrieb für immer ein. Ich trete weitere zehn Minuten gegen die Tür. Der Lange schläft wie ein Stein. Nein, der Lange schläft wie ein Toter. Nein, der Lange schläft wie zwei Tote. Er wacht auf, nachdem ich vor dem Haus von einem Fuß auf den anderen getreten und dabei meinen Finger weitere zehn Minuten auf der Hausglocke affichiert habe. Die Nachbarn hassen mich. Ich würde mindestens eine Woche lang nicht mit dem Langen reden, wenn mir das Goschnhalten gegeben wäre.

Es ist natürlich würdelos. Aber wissen Sie, wir müssen so leben, wenigstens ein paar von uns. Man erwartet das von uns Kreativwirtschaftlern, das gehört zu unserem Jobprofil. Wir sind Stellvertreter, wir müssen, damit die sich noch besser fühlen, repräsentativ für den weniger aufreibend alternden Teil der Bevölkerung hin und wieder diesen würdelosen Twentysomethinglebensstilscheiß weitermachen, bis weit in die Fünfziger hinein. Wenn die Kinder dann aus dem Haus sind, ziehen wir eh aufs Land, hüten Ziegen, werden wunderlich und fallen nicht mehr ungut auf.

Aber so was muss man sich verdienen; ja.


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