Basics

Grundkurs Kochen (23)

Stadtleben | aus FALTER 10/09 vom 04.03.2009

Ist der Käse erst geschmolzen, mundet er dem Komsomolzen

Der Kommunismus stand dem Käse bekanntlich indifferent bis offen ablehnend gegenüber: Stalins unverhohlene Frommagophobie ist legendär, insbesondere französischer Weichkäse galt ihm als Ausdruck westlicher Dekadenz. Hingegen war das Heiß- und Weichmachen von Käse in der Blütezeit der österreichischen Sozialdemokratie dermaßen beliebt, dass gebackener Camembert der Marke Sirius ("Sonne der Siebzigerjahre") in der Kreisky-Ära als Delikatesse, der Schinken-Käse-Toast als Parteiausweis und das Gratinieren als politische Tätigkeit galt.

Davon ist man in den letzten Jahren wieder etwas abgekommen, was freilich noch lange kein Grund ist, das Schmelzen von Käse schlechtzureden. Ganz im Gegenteil! Zurzeit ist etwa die Produktion von Vacherin Mont-d'Or noch voll im Gange (Mitte März wird sie eingestellt, weswegen man den köstlichen, in einer Schweizer und einer französischen Variante existierenden Goldbergkäse während der Sommermonate auch nicht zu kaufen kriegt).

Entscheidend für diesen Rohmilchkäse ist der Ring aus Fichtenrinde, der ihm sein typisches, leicht harziges Aroma verleiht. In den Handel kommt der Vacherin in runden Spanschachteln, was ihn für eines der einfachsten und zugleich köstlichsten Gerichte prädestiniert: Man stellt die geöffnete (und von etwaigen Plastikanteilen befreite) Schachtel ins geheizte Rohr (ca. 180 Grad) und löffelt dann den geschmolzenen Inhalt auf heiße Erdäpfel. Da wird auch die sprödeste Komsomolzin schwach! kn


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