Doris Knecht

Und mach die Tür hinter dir zu

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 10/09 vom 04.03.2009

Am Dienstag wollte ich zur Vernissage von der Frau Widauer gehen, Babysitter organisiert, mit einer Freundin ausgemacht, alles, wusch mir in der Früh die Haare, und die waren dann so fluffig und ganz abnormal ansehnlich, dass ich mir die Frisur nicht mit einer Haube ruinieren wollte, ich radelte also ohne Haube ins Büro und ging dann nicht zu der Vernissage, weil ich den Abend dann doch lieber mit hundert Schneuztüchern, einem Thermophor und einem Fieberthermometer im Bett verbrachte. Aber ich hatte dabei die Haare sehr schön.

Immerhin musste ich wegen Heiserkeit auch nicht mit meinem Kind herumstreiten, das mit sechseinhalb in die Pubertät gekommen ist und nicht mehr mit uns spricht. Also noch weniger mit uns spricht als zuvor schon. Es schmust nicht mehr, es will nicht mehr gekitzelt werden, es will nur noch in seiner Hängematte liegen und ganz für sich und ganz laut "Was ist was"-CDs hören, und wenn ich ihm zwischendurch eins von Schiepeks hübschen Melamintellerchen mit einem Buttertöstchen ins Zimmer stelle, brummt es: Hm, und jetzt geh wieder. Und mach die Tür hinter dir zu. Zuweilen kuschelt es sich an mich und drückt mir warme Küsse auf die Backe, dann will es außerhalb der verabredeten Zeiten einen Film anschauen. Wenn sich diese Investition nicht lohnt, reduziert es den Kontakt wieder auf böses Geschau und pampigen Befehlston. Jetzt heult es gerade "Papa, du verlangst zu viel!!", und zwar, weil der Lange einfach nicht einsehen will, dass einmal in der Woche baden völlig reicht.

Ich will nicht undankbar sein, aber andere Eltern haben nettere Kinder. Und oft zudem noch begabtere. Wo immer wir derzeit hinkommen, haben Eltern nette, begabte Kinder, die auf dem Klavier unaufgefordert fehlerfreie kleine Etüden spielen, anstatt gemein zu ihren Eltern zu sein. Na gut, es sind auch welche darunter, die vorher und nachher gemein zu ihren Eltern sind, wofür die Etüden aber einigermaßen entschädigen. Was habe ich? Ich habe zwei Kinder, die sich an den Gastgebertisch setzen und sagen, es tue ihnen leid, aber jedes der angebotenen Gerichte sei auf seine spezielle Weise grauslich und ungenießbar, Verzehren oder auch nur Probieren sei ganz ausgeschlossen. Nein, stimmt nicht, das Tut-mir-leid lassen sie weg, sie sagen nur das mit dem ungenießbar und dem grauslich.

Auch im Unterschied dazu haben andere Eltern Kinder, die ihnen permanent Anlass geben, verzückt über diese zu sprechen, ungefragt zu betonen, wie gut sie dies und das können, diese Eltern zeigen auf ihre Kinder und rufen: Ist er nicht süß? Ure. Dabei sind meine Kinder schon auch süß, auf ihre ganz eigene Weise, und deppert sind sie auch nicht, sie können auch Sachen total gut, aber das Verklären von Kindern ist, finde ich, eher eine Oma-Disziplin. Ich komme ja mehr vom Sudern; und das, bei dem Weg, können meine Kinder absolut prima. Nicht, dass Sie glauben.


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