Clarissas Tugend in den Fängen des Lüstlings

Extra | Tobias Heyl | aus FALTER 11/09 vom 11.03.2009

Irene Dische legt in "Clarissas empfindsame Reise" eine der ersten Reaktionen auf die Ära Obama vor

Nicht wenige seiner Fans erwarten von Barack Obama neben der Komplettreinigung des amerikanischen Augiasstalls auch noch die Verwandlung der Amerikaner in bessere Menschen.

In einer der ersten literarischen Reaktionen auf die neue Ära erzählt die deutsch-amerikanische Schriftstellerin Irene Dische von einer solchen Konversion. Ihre Heldin heißt Clarissa, und das ist erst einmal die einzige Gemeinsamkeit mit der Titelfigur von Samuel Richardsons moralischem Briefroman aus dem Jahr 1748.

Dessen tugendhafte Clarissa gerät in die Fänge eines Lüstlings. 250 Jahre später genießt Disches Clarissa ein Liebesleben, an dem sich auch tolerante Zeitgenossen stören könnten. Eigentlich ist sie mit einem Berliner Arzt verheiratet, für den sie auch nur freundliche Worte findet. Um aber den Schmerz über die Trennung von ihrem letzten Liebhaber zu vergessen, fliegt sie heim in die USA und kämpft sich auf verschlungenen Wegen nach New York durch.

Eine road novel, in deren Verlauf die Heldin einem Querschnitt durch die amerikanische Gesellschaft begegnet - und, beeindruckt vom Charisma des Kandidaten, Ansätze sozialer Empathie entwickelt, die man bei einer selbstverliebten Egomanin ihres Kalibers gar nicht für möglich gehalten hätte.

Im Kern ist dies also eine moralische Geschichte, womit wir wieder bei Richardson wären. Der Name Dische aber, deren Roman "Ein Job" aus dem Jahr 2000 vom Verlag Hoffmann und Campe neu aufgelegt wird, steht für Ironie und Situationskomik. Und so mag man diesen Roman auch als Verteidigung Obamas gegen die heftigsten seiner Verehrer lesen.

Irene Dische: Clarissas empfindsame Reise. Roman. Aus dem Amerikanischen von Reinhard Kaiser. Hoffmann und Campe, 160 S., € 13,40


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