Das große Casting

Extra | Georg Eckelsberger | aus FALTER 11/09 vom 11.03.2009

Die Jury gibt dir zwei Minuten. Jetzt musst du dich von deiner besten Seite zeigen. "Warum solltest gerade du genommen werden? Was unterscheidet dich von den anderen?", wollen sie wissen. Ob du dich nun für Österreichs neues Gesangstalent oder Supermodel hältst, dich um den zwar schlecht bezahlten, aber geilen Job bewirbst oder einfach nur studieren willst - das große Casting hat begonnen. Und dabei solltest du besser glänzen, sonst landest du auf der "Leider, nein"-Liste. Immer wieder.

Ob Casting, formloses Bewerbungsgespräch oder ausgefeiltes Assessment-Center: Die Regeln sind dieselben. Du musst besser sein als der Rest - oder zumindest anders. Normal ist langweilig, normal sein kann jeder. Das beginnt bei der Kleidung und Frisur, denn schon der erste Eindruck zählt. Die Jury soll sich schließlich an dich erinnern. Aber lehne dich nicht zu weit aus dem Fenster. Schnell bist du als Freak abgestempelt. Hervorstechen musst du auch in der Königsdisziplin - dem Lebenslauf. Ein Abschluss an einer Eliteschule oder humanitäre Hilfe im Ausland kommen meistens gut an. Schon bist du eine Runde weiter.

Um gecastet zu werden, muss sich heute niemand mehr beim Fernsehen bewerben. Überlaufene Schulen, Unis und FHs suchen sich ihre Leute genauso aus wie große Supermarktketten oder Friseure. Unternehmen filtern ihre "Human Ressources" (was für ein menschenverachtender Terminus!) effizient durch ihre Assessment-Center. Und wir hetzen von Casting zu Casting, als wären wir die arbeitslosen Schauspieler unseres eigenen Theaterstücks. Denn schon morgen wartet die große Chance. Vielleicht.

Wer lange genug durchhält, wird irgendwann belohnt, denn im Casting-Zeitalter zahlen sich Fleiß und Zielstrebigkeit, Ehrgeiz und Flexibilität endlich wieder aus. Für manche jedenfalls. Für alle anderen gilt: "Rufen Sie uns nicht an, wir rufen Sie an!"


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