Lebenshilfe

Der Romeo-Effekt

Extra | aus FALTER 11/09 vom 11.03.2009

Man hat sich fest vorgenommen, endlich die E-Mails der letzten Wochen zu beantworten. Die Deadline für Projekt XY ist längst verstrichen. Die Freundin will heute Abend schick essen gehen, jetzt bekommt man aber keinen Tisch mehr. Vor lauter Anforderungen tut man gar nichts - und geht mit einem Freund ein Bier trinken. Diese Erscheinung nennt man neuerdings Prokrastination. Zwei Leidensgenossen haben darüber ein sehr witziges Anti-Zeitmanagement-Buch geschrieben. Es ist auch eine Abrechnung mit unserem Arbeitsethos. "Im Prinzip lässt sich alles Machbare aufschieben, sogar vollkommen Unumgängliches kann man bequem unterlassen. Die Konsequenzen sind breit gefächert. Oft passiert nichts."

Die Autoren sagen nicht "Reißt euch zusammen!", sondern, dass Prokrastination eine erfolgreiche Strategie sein kann, weil sie zu großer innerer Freiheit führt. Man entwindet sich dem menschenfeindlichen und fremdbestimmten Imperativ des Funktionierenmüssens. In der Google-Welt der neuen Wirtschaft sind viele Prokrastinierer erfolgreich - wie die beiden Autoren, die immerhin u.a. den einen oder anderen Bestseller hinbekommen haben. Sie haben Erfolg, weil sie Vergnügen mit Arbeit kombinieren. "Je mehr Geld und Mühe ein Plan kostet, desto argwöhnischer sollte man ihn daraufhin abklopfen, ob man stattdessen einfach gar nichts tun kann."

Natürlich kann man so nur denken und handeln, wenn man noch nicht viel Verantwortung trägt. Aber die Lektüre befreit zumindest für einen Moment vom schlechten Gewissen. Und was wahr ist, bleibt wahr: "Hätte Romeo seinen Selbstmord am Grab von Julia noch etwas aufgeschoben, wären die beiden gemeinsam alt geworden."

Kathrin Passig / Sascha Lobo: Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin. Rowohlt Berlin, 287 Seiten, 20,50 Euro


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