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Politik | aus FALTER 11/09 vom 11.03.2009

Frau Vassilakou, waren Sie selbst in der Anarcho-Szene?

Im Dezember starb ein junger griechischer Demonstrant durch Polizeischüsse. Damals kam es zu Massendemonstrationen und Ausschreitungen. Der Konflikt brodelt weiterhin. Vergangene Woche wurden Brandanschläge verübt. Maria Vassilakou, gebürtige Griechin und Chefin der Wiener Grünen, über die Hintergründe.

Frau Vassilakou, warum kommt Griechenland nicht zur Ruhe?

In Griechenland hat sich in den letzten drei Jahrzehnten eine Szene aus autonomen Jugendlichen gebildet, die sich selbst als Anarchisten bezeichnen und immer wieder zuschlagen.

Ist das Ausmaß der Gewalt gestiegen?

Ja. Sachbeschädigungen haben zwar Tradition, inzwischen gibt es aber auch Angriffe gegen Menschenrechtsorganisationen und Bürger, etwa Intellektuelle. Rechtsextreme Gewalt tritt nun häufiger auf und kommt zur linksradikalen Gewalt hinzu.

Woher kommt die Gewaltbereitschaft?

Es ist ein Jugendphänomen. Nicht alle, die da randalieren, sind Ideologen. Vielen geht es um die Gewalt. Dazu ist zu sagen, dass sich in dieser Szene sowohl Jugendliche aus ärmlichen Verhältnissen als auch Jugendliche aus wohlhabenden Familien finden.

Sie haben in Athen die Schule besucht. Hatten Sie selbst Kontakt zu der Szene?

Ja, auch zu meiner Schulzeit hatten wir schon Jugendliche, die in diesem Bereich aktiv waren.

Sie selbst auch?

Nein. Ich habe niemals ein politisches Interesse am Anarchismus gehabt. Auch nicht ansatzweise.

Können Sie sich solche Zustände auch eines Tages in Österreich vorstellen?

Würde man auch in Österreich das Bildungswesen kaputtsparen, der Jugend die Perspektiven nehmen, wäre es theoretisch denkbar. Wie in jedem Land. Die Gewalt hat eben auch mit der allgemeinen Verfassung eines Staates zu tun. Leider ist es so, dass das Vertrauen in den griechischen Staat erschüttert ist. Durch massive Korruptionsskandale und einen nicht funktionierenden Sozialstaat.

Interview: Ingrid Brodnig


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