Enthusiasmuskolumne

Diesmal: Das beste Konzert der Welt der Woche

Feuilleton | Gerhard Stöger | aus FALTER 11/09 vom 11.03.2009

Soap&Skin: Viel Platz in der Nische

Kennen Sie den? Sitzen zwei Männer vor dem CD-Präsentationskonzert von Soap&Skin beim Bier im brut. Sagt der eine: „Ein Glück, dass wir noch Karten bekommen haben – bei dem Hype.“ Meint der andere: „Stimmt. Vielleicht wird es ja sogar was. Und wenn nicht, können wir in ein paar Jahren zumindest sagen, dass wir dabei gewesen sind.“

Pointe folgt jetzt keine, diese Begebenheit bestätigt lediglich die Mechanismen der Popkultur. Steigt die Popularität, ändert sich das Publikum – und es tauchen jene Zaungäste auf, die vor allem wegen des Events dabei sein wollen. Und dabei sein wollte die halbe Stadt, als Soap&Skin vergangenen Freitag ihr Debüt „Lovetune for Vacuum“ vorstellte.

Umso erstaunlicher, wie die sensible Künstlerin mit dieser Situation umzugehen verstand, wie unbeirrt sie ihre Lieder vortrug, wie ökonomisch sie ihre Mittel einsetzte und wie sehr sie mit ihrer speziellen Mischung aus Kinderlied und Avantgarde, aus Klavierromantik und experimenteller Elektronik einmal mehr Schönheit zu verbreiten vermochte.

Rockkonzerte funktionieren für gewöhnlich dadurch, Individuen zu einer Masse zu verschmelzen; Popkonzerte durch das Maß an Aufregung, die das Bühnengeschehen auslöst. Bei Soap&Skin ist das anders: Da sitzt eine junge Frau im schwarzen Kleid an einem Klavier, auf dem noch ein Laptop und ein Glas Wasser stehen, das war’s. Kaum Licht, keine Effekte.

Zweimal irrlichtert die Künstlerin über die Bühne und zuckt eigenartig zur Maschinensinfonie, die zwischendurch mit der Intimität bricht; bis auf ein gehauchtes „Danke schön“ ganz am Ende spricht sie nicht mit dem Publikum. Auch Augenkontakt gibt es kaum – und doch scheint sie innerhalb der knappen Konzertstunde alle im Raum zu berühren.

Mag sein, dass Soap&Skin für einen Popstar im klassischen Sinn zu anspruchsvoll und sperrig ist. Aber auch Nischen können sich als äußerst geräumig erweisen.


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