Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 11/09 vom 11.03.2009

Muss gehen!

„Das Hilfspaket, das ist

jeder Einzelne von uns!“

Siegfried Nagl

Der Freiberufler neigt dazu, sich selbst nicht nur während, sondern auch nach, vor und zwischen der Arbeit zu überwachen, auszuspionieren und, wenn nötig, zu denunzieren. Hinter jeder kleinen Geste der Großzügigkeit vermutet er eine drohende Strafmaßnahme, in vorauseilendem Gehorsam arbeitet der Freiberufler noch mehr, um seinen guten Willen zu beweisen, bis er in ein Loch fällt und bei einer Zigarettenpause gesteht, dass er es nicht mehr lang aushalten wird. Dann denkt er darüber nach, sich auf Kurzarbeit zu setzen, ohne es aber offen auszusprechen, und das Betriebsklima wird von Tag zu Tag schlechter, bis es zu einem erbitterten Streit kommt, der in einer Streikandrohung und einem erzwungenen Betriebsausflug gipfelt, bei dem man sich wieder näherkommt. Dann denkt der Freiberufler über Maßnahmen nach, die sich positiv auf die Arbeit auswirken könnten, und beschließt, Vertrauen GERADE JETZT groß und vielleicht sogar in Anführungszeichen zu schreiben. Er lässt sich selbst eine Zeit lang in Ruhe und merkt dann, dass das auch nicht funktioniert hat. Scheiße, denkt er, und montiert eine Minikamera am Arbeitsplatz und durchstöbert heimlich nach der Arbeit seinen Rechner und die Taschen seiner Privat- und Arbeitskleidung, bereit, bis zum Äußersten zu gehen. Dann gibt es wieder eine Zeit lang Ruhe.

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten


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