Kritik

Wohliges Schaudern am Seelen-Boulevard

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 11/09 vom 11.03.2009

Ingmar Bergman hielt „Aus dem Leben der Marionetten“, entstanden 1979 fürs bundesdeutsche Fernsehen, für einen seiner besten Filme. Die achronologische Szenenfolge um den Geschäftsmann Peter Egerman, der eines Nachts eine Prostituierte tötet, zeigt den schwedischen Meister aber leider als das, wofür er im Allgemeinen bekannt ist: als Pathologen und Beichtvater eines innerlich vergletschernden Bürgertums, das sich zwischen Minibar und Psychiatercouch verzweifelt Sentenzen über Wahrheit, Liebe und Leben zuwirft. Wenn jetzt Philip Tiedemanns Inszenierung von Bergmans Text im Theater an der Josefstadt eher wohliges Schaudern als echte Erschütterung produziert, dann ist das durchaus dem Werk entsprechend: Unter Best-of-Entfremdung-Sagern wie „Leute wie du glauben ja nicht an die Existenz der Seele“ oder „Im Bett haben wir’s fabelhaft! Wir lieben ohne Gefühl“ gefriert jedes Leiden zur gefälligen Pose.

Das Ergebnis sind eindreiviertel Stunden kompetentes Seelenboulevardtheater mit kurzweilig eingesetzter Drehbühne (Bühnenbild: Etienne Pluss), engagiertem Spiel (schön herb: Maria Köstlinger als Egermanns Gattin Katharina) und gelegentlichen Längen. „Alle Wege sind versperrt“, erklärt Peter (souverän: Bernhard Schir) immer wieder. Dass es für diese Inszenierung noch einen Weg jenseits kultivierter Zerquältheit gegeben hätte, deutet Sylvester Groth in seiner überraschend komischen Ausdeutung von Katharinas schwulem Arbeitspartner Tim an: Wenn der seine Tiraden plappert, dann hören die sich immer auch nach improvisierter heißer Luft an und nicht bloß nach letzten Gewissheiten.

Theater in der Josefstadt, Mo bis Mi 19.30


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