Theater Kritik

Hui, Europa! Ein Kunststück im Kollektiv

Steiermark | Thomas Wolkinger | aus FALTER 12/09 vom 18.03.2009

Gäbe es in der laufenden europapolitischen Berichterstattung einen Kommentator von der Qualität eines Helmut Köpping, man müsste sich um die Politikverdrossenheit der EU-Bürger nicht die geringste Sorge machen. Mit samtiger Stimme aus dem Off führt Köpping, vorgestellt als "ehemaliger künstlerischer Leiter von, Begnadete Körper' und zweifacher Vater", ebenso sinnig wie gewitzt durch das Nummernvarieté "Europa! Europa!" des Theater im Bahnhof (Regie: Köpping und Ed Hauswirth), das sich nichts weniger vorgenommen hat, als zum "ästhetischen Kern des Vertrags von Lissabon" vorzustoßen.

In elf Kunststücken - vorgeblich wurden 143 einstudiert, die "Auswahl" erfolgt per Losentscheid - nähert sich das TiB diesem Text, der als sperrig gilt, und verhandelt gleich eine ganze Reihe weiterer Fragen mit. Was könnte europäische Identität jenseits von Beamtenfloskeln und Eurovisionsfolklore bedeuten? Wie werden Entscheidungen in komplexen Kollektiven getroffen - in einem EU-Ministerrat, in einem Theaterensemble? Und wie lassen die sich allgemein verständlich übersetzen - für das Volk, das Publikum?

Das TiB gibt keine Antworten, nähert sich diesen Fragen vielmehr auf denkbar sinnliche Weise, spielt mit den Mitteln des Zauber- und des Boulevardtheaters ebenso wie mit Sprachjonglagen, Clownerie-, Chor- oder Stand-up-Elementen und bleibt dabei atmosphärisch ganz nah an den Höhen und Tiefen des Lissabon-Vertrags. Der ist ja auch nicht nur witzig-skurril, sondern streckenweise ganz schön fad. Ein Höhepunkt: das liebevoll ohnmächtige Tanzsolo, in das sich Tatjana Vaidera, die "Textilhandelskauffrau aus Riga" (Monika Klengel), nach ihrem mit Gitarrenspiel unterlegten "Binnenmarkt"-Vortrag flüchtet. Großes, europäisches Volkstheater.

Orpheum, 18., 19., 24., 25.3., 20.00


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