Warum die Kunst trotz Kitsch und Nazilyrik für den Frühling zuständig ist

Feuilleton | aus FALTER 12/09 vom 18.03.2009

Es geht um ein Glücksmoment: Die Tulpentriebe haben sich gegen den Schnee durchgesetzt und die Amseln lassen sich nicht mehr vom Frost knebeln. Vorbei die Zeit nach Friteusenfett stinkender Daunenjacken. Nach dem ersten Tichy-Eis lockert sich der Körperpanzer. Der Frühling ist da.

Der Frühling ist ein kollektives Evidenzerlebnis. In den alpinen Perchtenläufen blieb eine Ahnung jener elementaren Wucht erhalten, mit der der Vorzentralheizungsmensch die Kante zwischen Winter und Frühling erfahren haben mag. Den Frühjahrputz wiederum, jenes herkuleische Klopfen, Saugen und Wischen in Perserteppichhöhlen, könnte man als neuzeitliche Variante eines heidnischen Winteraustreibungsrituals bezeichnen.

Die Bettwäschegeschäfte, Modefirmen und Supermärkte wissen um die neuronale Wirkung des Lenzes bescheid. In den Schaufenstern quietscht das Orange und tirilliert das Zitronengelb. Was aber ist der Frühling sonst noch außer einer Markierung im Zyklus des Konsumjahres? Der Philosoph Robert


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