Kommentar

Ein Spion namens Zilk: Was der Fall über Österreich lehrt

Falter & Meinung | Barbara Tóth | aus FALTER 13/09 vom 25.03.2009

Fundamental lächerlich" und "empörend" seien die Vorwürfe gegen Helmut Zilk, glauben Wiens Bürgermeister Michael Häupl und Bundeskanzler Werner Faymann. Beides ist falsch. Die "Akte Zilk", die die tschechische Tageszeitung Mlada Fronta Dnes und das profil veröffentlichten, ist kein Beweis dafür, dass der leutselige, verstorbene Wiener Bürgermeister ein hochrangiger Spitzel der kommunistischen Staatssicherheit war.

Sie zeigt vielmehr den von berufsbedingter Aufschneiderei geprägten Alltag von Geheimdiensten und ihren Zuträgern in Zeiten des Kalten Kriegs. Wer die Akte liest, sieht den aufstrebenden Wiener Fernsehjournalisten geradezu vor sich, wie er glaubt, mit seinen Informationen an einem Rädchen der Geschichte drehen zu können. Oder den tschechoslowakischen Agenten, der die zweifelsohne mageren Aussagen seines österreichischen Kontaktmannes für die Vorgesetzten in Prag zu kleinen Sensationen hochjazzt.

Die tschechische Akte Zilk ist somit ein spannendes, historisches Quellenstück, mit Vorbehalt und im Wissen um die damaligen Umstände zu lesen.

Anders verhält es sich mit dem österreichischen Akt Zilk. Er könnte Aufklärung über die Rolle des späteren Bürgermeisters zwischen den Fronten des Kalten Kriegs liefern. Immerhin mutmaßt Mlada Fronta Dnes auch über seine mögliche Tätigkeit für den amerikanischen Geheimdienst CIA. Seltsamerweise ist die Akte aber Anfang der 70er-Jahre "vernichtet" worden.

Das ist die österreichische Form der Vergangenheitspflege. Unter den Tisch fallen lassen - oder kategorisch als "empörend" zurückweisen. Nur eines wird hier nicht: aufgeklärt.


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