Kantrimiusik statt Country Music: Mauricio Kagel macht einen Ausflug aufs Land und lauscht der falschen Idylle

Feuilleton | aus FALTER 13/09 vom 25.03.2009

Er war der Spaßvogel der Avantgarde. Der Komponist Mauricio Kagel (1931-2008) galt als Enfant terrible, dessen stets hintersinnige, oft witzige und manchmal bizarre Werke beim Publikum anfangs eine gewisse Ratlosigkeit hinterließen: Muss man diesen Klamauk wirklich ernst nehmen?

Auch mit seiner "Kantrimiusik" sorgte Kagel 1975 für Verwirrung. Doch hört man heute die neuerschienene Einspielung durch das Nieuw Ensemble unter Ed Spanjaard, wird vor allem die starke Zeitgebundenheit dieser modernen Pastorale deutlich.

Die von soziologischem Interesse motivierte Hinwendung zur Folklore ab den späten 60ern beinhaltet bei Kagel - weit mehr als bei Berio, Globokar oder Stockhausen - auch die Lust an der Hinterfragung bestehender Musikformen. In "Kantrimiusik" stellt Kagel Volksmusik als bereits folkloristische Verfremdung dar.

Er bringt Anklänge an Klassiker, die aufs Landleben Bezug nahmen wie Beethoven in seiner "Pastorale", und kontrastiert sie, oft auch in Tonbandzuspielungen, mit Naturgeräuschen aller Art: Schlagende Nachtigallen und Bienensummen, Froschquaken und Hahnenschreie, Kuh- und Kirchenglocken klingen durch das Werk. Und am Ende knattert ein alter Traktor davon. CF

Mauricio Kagel: "Kantrimiusik"

Nieuw Ensemble, Ed Spanjaard (Winter & Winter/Edel)


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