Doris Knecht

Bemühter Beweis braver Bürgerlichkeit

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 13/09 vom 25.03.2009

Sie können mit dem Getstse wieder aufhören. Die letzte Woche war geprägt von überwältigender, ja einschläfernder Ereignislosigkeit. Nichts passiert. Keine peinlichen Performances. Nie ausgewesen, außer das eine Mal, wo ich mit den Literats geprobt habe, und einmal Hauskonzert; Haus- nicht House-, ganz genau.

Vor allem: nicht geraucht, schon neun vollständige Tage nicht eine einzige Zigarette geraucht. Ich habe nämlich aufgehört, und nach sechs sehr kurzfristig gescheiterten Versuchen diesmal ernsthaft. Ich werde meinen Turm aus den nichtgerauchten Zigarettenschachteln jetzt weiterbauen, im November war er 173 Meter hoch, dann Baustopp, nun wächst er wieder täglich um 2,3 Zentimeter. Ich stinke weniger aus dem Maul, und mein Handekzem hat sich stark verbessert, seit ich mir nicht mehr alle halbe Stunden den Zigarettengestank mit Seife von den Händen waschen muss, damit die Kinder meine Missetaten nicht erriechen.

Allerdings habe ich jetzt nicht mehr so einen guten Überblick darüber, was unter meinem Balkon passiert. Nicht, dass viel Spannendes passiert wäre in der Zeit, einmal hab ich in der Nacht einen Mann gesehen, der Fahrräder fotografierte, das war, glaube ich, das Aufregendste. Abreagieren durch Anbrüllen von Hundebesitzern war auch nicht, weil die jetzt meistens ein Sackerl dabeihaben, jedenfalls bei Tageslicht, und in der Nacht kann man aus der Distanz leider nicht genau sehen, was der Hund jetzt da gemacht hat, und es ist, das weiß ich zufällig, saupeinlich, wenn man einen Gassigeher mit Chili in der Stimme auffordert, dass er das gefälligst wegmachen soll, und der Hund hat nur gebrunzt.

Aber nicht einmal so eine kleine Peinlichkeit habe ich mir diese Woche zuschulden kommen lassen. Und sehen Sie, schon ist Ihnen fad. Und es geht so weiter: Gleich werde ich Ihnen erzählen, wie ich brav jeden Tag mit dem Kind Flöte geübt habe, wie die Mimis ihr erstes Buch ganz allein ausgelesen haben, wie ich bei eBay vier Thonetsessel um kein Geld ersteigert habe, wie ich ein paar neue Sofakissenbezüge nähte und wie mir vorgestern ein Kärntner Reindling gelungen ist: Und man wird das Weiße in Ihren Augen sehen, und Atemluft wird explosionsartig durch Ihre Lippen entweichen. Phhh, ist das öd. Und mitleiderregend; diese bemühte Beweisballung braver Bürgerlichkeit. Und diese traurigen Alliterationen.

Bitte, wenn Sie mir bei echten Peinlichkeiten zusehen wollen, das geht, das können Sie, lesen Sie bitte das Kleingedruckte. Und die Thonetsessel sind in Wirklichkeit wahrscheinlich eh keine, so ein Pickerl ist ja schnell aufgepickt, und schon am Donnerstag oder so wird der Horwath mich deswegen schallend belachen. Es wird schon wieder alles normal hier, passen Sie auf.

Doris Knecht liest und singt am 1. April mit The Literats, Josef Haslinger, Mieze Medusa u.a. in der Roten Bar im Volkstheater; Beginn: 22 Uhr


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige