Ausstellung Kritik

Der Kaufmann ohne Hakennase

Lexikon | Marlies Kralicek | aus FALTER 13/09 vom 25.03.2009

New York, 1947. Das Yiddish Art Theatre bringt das Drama "Shylock and His Daughter" auf die Bühne. Regie und Hauptrolle übernimmt Maurice Schwartz, der Großmeister des jiddischen Theaters. Schwartz' Stück stellt die Adaption eines Romans von Ari Ibn Zahav dar, der die Figur des venezianischen Ghettobewohners Shylock aus Shakespeares Komödie "Der Kaufmann von Venedig" hinterfragt. Durch die Jahrhunderte war der Klassiker als antisemitische Projektionsfläche für "den Juden" benutzt worden. Das Jüdische Museum am Judenplatz widmet diesem ambitionierten Versuch nun die Schau "Being Shylock - Ein Experiment am Yiddish Art Theatre New York 1947".

Bei der Aufarbeitung des Museumsarchivs 1996 wurden rund 350 Schwarzweiß-Kleinbildnegative der sogenannten Shylock-Fotosession entdeckt, deren Fotograf bis heute unbekannt ist. Mit den ausgestellten Bilddokumenten wurde eine gute Auswahl getroffen, die dem Betrachter die kulturhistorische Bedeutung der Theaterproduktion vor Augen führt. Neben Bühnen- und Rollenfotos sticht vor allem eine Bildserie hervor, die die Verwandlung des Schauspielers Schwartz in die Rolle des Shylock dokumentiert. Da betrachtet sich ein betagter Mann mit ernst im Spiegel, überprüft mit Sorgfalt seinen aufgeklebten Bart, zieht die graue Perücke zurecht und verwandelt sich so in den Juden Shylock. Originalfotos und -videos "traditioneller" Shylock Inszenierungen - unter anderem Otto Tresslers monsterhafte Darstellung im Burgtheater 1909 - werden Schwartz' Theaterexperiment gegenübergestellt, können jedoch mit den Schwarzweißfotografien, die sich zu einem eindrucksvollen Ganzen zusammenfügen, nicht mithalten.

Jüdisches Museum am Judenplatz, bis 6.9.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige