Neu im Kino

"Gangster Girls", ein völlig anderer Gefängnisfilm

Lexikon | Florian Klenk | aus FALTER 13/09 vom 25.03.2009

Es gibt fast keine vernünftigen, aufgeklärten Filme über österreichische Gefängnisse, weil Interviews mit Insassen normalerweise verboten sind. Sie würden der Resozialisierung der Insassen schaden, so die offizielle Erklärung.

So kommt es, dass die meisten Reportagen aus heimischen Haftanstalten immer demselben Muster folgen. Man sieht anonymisierte Häftlinge im Gegenlicht, sie sprechen mit verzerrten Stimmen und sind solcherart stigmatisiert. Den Rest erzählen Sozialarbeiter, Gefängnisdirektoren und andere "Experten". Es wird alles gezeigt - nur nicht die Realität der Gefangenen selbst.

Der Wiener Regisseurin Tina Leisch ist mit "Gangster Girls" ein völlig anderer Gefängnisfilm gelungen - mit den Requisiten des Theaters. Sie schminkt die Insassinnen der Frauenjustizanstalt Schwarzau zu Kunstfiguren, sie lässt sie singen, erzählen, spielen und streiten. Es ist, wenn man so will, ein Gefangenenchor des 21. Jahrhunderts, der hier durch die Realität eines durchaus progressiven Strafvollzugs führt.

Erst durch die schrille Maskierung werden die Frauen individuell. Fernab von Betroffenheitspathos und Toni-Spira-Ästhetik lässt Leisch die Frauen selbst zu Wort kommen, ohne ihnen zu nahe zu treten. Sie bestimmen, was sie von sich preisgeben wollen - und keine Kamera, die nach Unterschichtsexotik sucht. So gelingt die Gratwanderung zwischen Voyeurismus und Verharmlosung, selbst als die Frauen über ihre Sexualität und den Missbrauch erzählen, der oft ihr Leben prägte.

Was so irritierend ist, das sind die Lebensgeschichten mancher Frauen - und die Härte der Strafen, die sie für Bagatelldelikte ausfassen. Wegen ein paar hundert Euro sitzen hier junge Frauen jahrelange Haftstrafen ab.

Mit "Gangster Girls" legt Leisch eine verstörende Sozialreportage vor. Sie sei jenen empfohlen, die den "Kuschelvollzug" diskreditieren - und nach immer härteren Strafen rufen.

Ab Fr im Stadtkino Wien. - Kinobrunch mit Publikumsgespräch im Stadtkino, So 12.00


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