Kommentar

Wie der Strasser-Ernst dem Ruf des Pröll-Sepp folgte

Politsprech


Klaus Nüchtern
Falter & Meinung | aus FALTER 14/09 vom 01.04.2009

Vor fünf Jahren konnte er eine Rückkehr in die Politik noch ausschließen, und es wäre für beide - die Politik und Ernst Strasser - besser gewesen, er hätte damals die Wahrheit gesagt (siehe S. 14). Nun folgt Strasser Othmar Karas als ÖVP-Spitzenkandidat für die EU-Wahlen - eine Entscheidung, bei der sich die Frage, ob er tatsächlich erste Wahl war, nachgerade aufdrängt und im Ö1-Morgenjournal auch gestellt wurde: "Da müssen Sie den Sepp fragen", meinte der Nun-doch-wieder-Politiker, der auf die Frage nach seiner politischen Positionierung zwischen liberal und law & order mit der entwaffnenden Antwort replizierte: "Ich bin der Strasser-Ernst."

Als Innenminister hatte Strasser das papierlose Büro in die heimische Politik eingeführt, nun macht er als Virtuose des sinnfreien Satzes seinen mit allen Wassern der Politphraseologie gewaschenen Kollegen Konkurrenz: "Ich habe nicht vor, da irgendetwas zuzugeben, was hier versucht wird zu machen" kommentierte er in der "ZiB 2" die berüchtigten E-Mails.

Strassers europäische Perspektive ist so visionär wie die Jahresversammlung des Grieskirchener Goldhaubenvereins: "Die Welt wird neu geordnet, das gilt auch für Europa." Warum er über den EU-Beitritt der Türkei in Österreich abstimmen lassen will, begründete er in der "ZiB" so: "Das ist doch ganz okay - die Türkei ist ein besonderes emotionales Ding (…) Hören Sie einmal hinein bei den Leuten!" Humoralpathologisch betrachtet ist Strasser ein echter Prölletarier (Modell Erwin), sein Habitus permanenten Beleidigtseins wird jedoch jeden Populismusversuch im Keim ersticken. Wer je auf eine moderne ÖVP gehofft hatte, wird enttäuscht: Die gusseiserne Provinz ist zurück - und geht nach Brüssel.


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