Kritik

Ein Rosenkranz für die Erlösung

Lexikon | Nicole Scheyerer | aus FALTER 14/09 vom 01.04.2009

Die Gemälde mit Marktszenen aus Osteuropa, die Johanna Kandl in der Vergangenheit immer mit globalisierungskritischen Kommentaren geschaffen hat, sind hinlänglich bekannt und waren zuletzt schon etwas langweilig. In ihrer aktuellen Schau nehmen diese Motive jedoch eine bemerkenswerte Wendung ins Existenzielle. Kandl hat diesmal in östlichen Wallfahrtsorten fotografiert und gefilmt. Unter dem Titel "The Missing Guardian" verknüpft sie Bilder von Devotionalienständen und Marienkitsch mit grundsätzlichen Fragen über das Sein. "What do you believe in?", lautet die Frage auf einer ihrer typisch bunt und flach gemalten Ansichten. Interessant wird das Gemälde durch die auf dem Kopf dargestellten Asphaltbilder von Straßenkünstlern, an denen Kandl Nonnen vorbeiwandeln lässt. Wie Tränen gleiten Drippings über eine Ansammlung von Marienstatuen und Heiligenbilder, die in einem anderen Bild dichtgedrängt und in Blautönen gemalt wurden.

Mit dem Video "Brünnerstraße 165" kehrt die in Berlin lebende Künstlerin in ihre Kindheit zurück. Super-8-Filmszenen zeigen unbeschwerte Nacktheit bei ihrem Elternhaus im Sommer. Im Anschluss an dieses alte Material steigt Kandl wie die schöne Selbstmörderin Ophelia aus "Hamlet" nackt in den herbstlichen Teich und lässt so die idyllische Naturszene in eine Reflexion über Vergänglichkeit übergehen. "No Future" und "Boring old artist" beschimpft sich die Künstlerin selbst in neuen Schriftbildern, in denen sie mutig von Schaffenskrisen und deren Überwindung erzählt. Eins zu null: Den Kampf mit den selbstzerstörerischen inneren Dämonen hat Kandl diesmal überzeugend gewonnen.

Christine König Galerie, bis 25.4.


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