Retrospektive

Jean-Pierre Léaud, das Gesicht der Nouvelle Vague

Lexikon | Michael Pekler | aus FALTER 14/09 vom 01.04.2009

Das Plakat des Filmmuseums zeigt ihn mit halbgeschlossenen Augen, das lange dunkle Haar nach hinten aus der Stirn gekämmt. Ein Mann zwischen Aufruhr und Verträumtheit, die Hand gestikulierend erhoben: Jean-Pierre Léaud in Jacques Rivettes "Out 1 - Spectre" (1971).

Zu diesem Zeitpunkt spielt Léaud bereits seit über zehn Jahren in Filmen von Truffaut und Godard, hat der Nouvelle Vague buchstäblich ein Gesicht gegeben. Wenn Godard 1959 bei der Premiere von Truffauts "Les quatre cents coups" schreiben konnte, dass sich damit "das Gesicht des französischen Kinos verändert habe", dann meinte er mit diesem Gesicht auch das des kleinen Jungen, der bei der Premiere in Cannes neben Truffaut und Jean Cocteau verlegen mit weißem Hemd und Krawatte in die Kameras lächelt. "Es sind unsere Filme", schreibt Godard, "die beweisen werden, dass Frankreich ein hübsches Gesicht hat, filmisch gesprochen."

Wenn man einem Schauspieler des modernen französischen Kinos eine Retrospektive widmet, kommt eigentlich nur Jean-Pierre Léaud infrage. Es ist Léauds Verkörperung von bourgeoisem Lebensgefühl und Eskapismus, die ihn so großartig weltgewandt und zugleich so verletzlich lebensfern macht. Als Antoine Doinel in seinem ersten Leinwandauftritt im letzten Filmbild eingefroren, sollte dieser Moment - selbst ein Schlag - sich als Charakterbild festigen und in der Folge bei Regisseuren wie Moullet oder Assayas ständigen produktiven Umformungen unterworfen sein.

Das einprägsamste und vielleicht schönste Bild dieser Art gelingt Tsai Ming-liangs in "What Time Is It There?" (2001): Während sich in Taipeh ein Junge "Les quatre cents coups" ansieht, sitzt Jean-Pierre Léaud auf einer Pariser Friedhofsbank.

Vom 3.4. bis 7.5. im Österreichischen Filmmuseum

Fotoausstellung vom 2.4. bis 8.5. im Institut FranÇais, Palais Clam-Gallas


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