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Hui, Europa! Das Grazer Theater im Bahnhof kommt

Lexikon | Thomas Wolkinger | aus FALTER 15/09 vom 08.04.2009

Gäbe es in der europapolitischen Berichterstattung einen Kommentator von der Qualität eines Helmut Köpping, man müsste sich um die Politikverdrossenheit der EU-Bürger nicht die geringste Sorge machen. Mit samtiger Stimme aus dem Off führt Köpping - vorgestellt als ehemaliger künstlerischer Leiter von "Begnadete Körper" - gewitzt durch das Nummernvarieté "Europa! Europa!" des Theaters im Bahnhof (Regie: Köpping und Ed Hauswirth), das nach Graz und Düsseldorf nun auch im brut zu sehen ist.

Mit der Produktion hat sich das TiB nicht gerade wenig vorgenommen und versucht, auf Basis des EU-Vertrags von Lissabon zum "ästhetischen Kern" des Kontinents vorzustoßen. In elf Kunststücken nähert sich das TiB diesem Text, der als sperrig gilt, und verhandelt gleich eine ganze Reihe weiterer Fragen mit. Was könnte europäische Identität jenseits von Beamtenfloskeln und Eurovisionsfolklore bedeuten? Wie werden Entscheidungen in komplexen Kollektiven getroffen - in einem EU-Ministerrat, in einem Theaterensemble? Und wie lassen die sich allgemein verständlich übersetzen - für das Volk, das Publikum?

Das TiB gibt keine direkten Antworten, nähert sich diesen Fragen vielmehr auf denkbar sinnliche Weise, spielt mit den Mitteln des Zauber- und des Boulevardtheaters ebenso wie mit Sprachjonglagen, Clownerie- oder Chor-Elementen und bleibt dabei atmosphärisch ganz nah an den Höhen und Tiefen des Lissabon-Vertrags. Der ist ja nicht ausschließlich witzig-skurril, sondern streckenweise auch ganz schön fad. Ein Höhepunkt: das liebevoll ohnmächtige Tanz-Solo, in das sich Tatjana Vaidera, die "Textilhandelskauffrau aus Riga" (Monika Klengel), nach ihrem mit Gitarrenspiel unterlegten "Binnenmarkt"-Vortrag flüchtet. Großes, europäisches Volkstheater. Doch, das gibt's.

brut im Künstlerhaus, Mi, Do 21.00 (bis 18.4.)


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