Neu im Kino

Opfer, Retter und ein Kreuz mit Haken: "John Rabe"

Lexikon | Drehli Robnik | aus FALTER 15/09 vom 08.04.2009

Der Film beginnt in schriller Normalität: Chinesen salutieren in Reih und Glied ihrem deutschen Kolonialchef, ein imposantes Siemens-Werk versorgt die Metropole Nanking mit Strom, eine Fahne wird gehisst und, weil sie so großdeutsch ist, bald zum buchstäblichen Obdach für Flüchtlinge. Allerdings ist "John Rabe" kein Doku-Essay über deutsche Investments im heutigen China, sondern ein 1937 spielendes deutsches Drama: Der Salut ist Hitlergruß, die Fahne trägt Hakenkreuz, und der Titelheld, lokaler Siemens-Direktor und NSDAP-Mitglied, beteiligt sich an der Rettung tausender Einwohner Nankings vor der japanischen Besatzungsarmee.

Die von Rabe und anderen Europäern betreute Schutzzone hat es gegeben, ebenso wochenlange Massaker, Teil systematischer Massenkriegsverbrechen, die der japanische Staat bis heute leugnet. Auch Rabes Engagement fällt zuletzt, so legt der Film nahe, dem Vergessen anheim. Also muss ein Denkmal des deutschen Retters her: Florian Gallenberger inszeniert merklich auf den Spuren von "Schindlers Liste" (und hinkt dabei wie der Vergleich der Massenmorde); Ulrich Tukur, bewährt als wandelndes Umspringbild zwischen gutem und bösem Deutschen, gibt den sich durchringenden Konzernbürokraten.

Die Ironie der Anfangssequenz wirkt unfreiwillig angesichts des Schwulsts, in den der Film planmäßig mündet: redseliger Verzweiflungshumanismus mit Steve Buscemi, romantic-plot-Aufpropfung mit Daniel Brühl, windschiefe Monumentalszenen. Und: Asiaten sind hier entweder dankbare Opfer (Chinesen) oder Sadistenfratzen (Japaner) und bedürfen weißer Humanität. "John Rabe" heißt der Film, nicht "John Rambo"; aber "Ra" bleibt "Ra", nämlich Rassismus.

Ab Fr in den Kinos


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