Phettbergs Predigtdienst

Der Flaschenpost-Ausstreuer aus Nazareth

Kolumnen | aus FALTER 15/09 vom 08.04.2009

Hermes Phettberg führt seit 1991 durch das Kirchenjahr

Alles, was ich wahrnehme, ist unglaublich instabil. Es rast alles so schnell an mir vorüber, und ich fass nur einen winzigen Zipfel - und fass doch eigentlich gar nichts. Aber ich kann, KANN keine Änderung mehr wirklich wünschen. Denn ich kann mich nicht ausdrücken, bin eigentlich stumm. Ich hab mein Leben lang kein persönliches Visavis gehabt, und jetzt, als vollkommen kaputtes "Ding", sitz ich in meiner Gumpendorfer Wohnecke mit meinem Samstag-Vorabend-Mess-Gehen Woche um Woche, Monat um Monat da und bin hoffnungslos als Scheinmensch wahrnehmbar. Ich schreib, doch ausklickbar mit einem Klick bin ich, und das Ausklicken im Hirn geht noch viel blitzartiger als das manuelle Ausklicken des Computers. Das Aufrechterhalten des "Büro Phettberg" kostet zwar ein Vermögen an elektrischem Aufwand, doch das Aufrechterhalten der Strukturen jedes Menschen hält auch die Wirtschaft in Schwung und hilft der Krise, sich zu erfangen. Also brauch ich kein schlechtes Gewissen zu haben. Ich halt mich stumm und trag ein Winziges zur Stabilhaltung der Wirtschaft bei. Ich geh jeden Tag ins Buffet der Barmherzigen Schwestern und geb damit der Küchenbelegschaft Arbeit.

All die vielen Blogs und Twitter-Meldungen sind Flaschenpost-Würfe. Rund um den Globus werden Milliarden Protokolle einsamster Herzen ausgestreut, in der irrealen Hoffnung auf … ja, auf was? Auf ewiges Leben à la Hypertext-Transfer-Protokoll? Dann endlich leben! Davon träumte Jesus Christus aus Nazareth. Er war nur einer von den Flaschenpost-Ausstreuern. Sie ist nur die bestdokumentierte, von Homer und Odysseus an wird protokolliert ohne Ende. Jedes will, ja MUSS seine Summe notieren, damit http und Wikipedia nur ja alles ins "ewige Leben" einbringen, damit nur ja kein einziger Funken Idee verkommt. Und dann die Mamas alle aus dem Zigarettenautomat rauspurzeln und verkünden können: "I bin's, dei Mama!" Damit nur ja alle Lebewesen, die je existierten, in die Ewigkeit schlüpfen, ob Fauna oder Flora ... oder Pilze, doch die gehören wahrscheinlich eher zur Welt der Flora, die Pilze. - Es ist alles parat, und die kybernetische http-Ewigkeitsarbeit kann begonnen werden, Duhsub! Damit alles in Erinnerung bleibt!

Die ungekürzte Version des Predigtdienstes ist über www.falter.at zu abonnieren.

Unter www.phettberg.at ist wöchentlich neu zu lesen, wie Phettberg strömt


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