Doris Knecht

Und weißt du, das zahle ich gern

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 15/09 vom 08.04.2009

Wie das Mimi aus der Schulgarderobe kommt, spritzt ihm schon das Gift aus den Augen. Es ist offensichtlich gedemütigt worden; und von wem, eh klar, von seiner Mutter. Es wurden nämlich in der Schule Eier gefärbt, und seine Mutter hat ihm zweierlei Eier mitgegeben: erstens braune, was diesfalls allerdings die minderschwere Sünde bedeutet, zweitens aus Bodenhaltung. BODENHALTUNG!, heult das Kind der Mutter vom Rücksitz aus in den Nacken, meine Mutter kauft Eier aus BODENHALTUNG!, wie konntest du nur! Den ganzen Gürtel-Stau hindurch erklärt das Mimi seiner hirn- und herzlosen Mutter, was das bedeutet, wenn Hendln in BODENHALTUNG gehalten werden, und wie die sich gegenseitig Löcher in die Leiber, ja sich totpicken! Und wie sie nicht verstehen kann, wie ein Mensch so verantwortungslos, nein: BÖSE sei kann, Eier aus BODENHALTUNG zu kaufen! Wo es doch überall auch gute Bio-Freilandeier von glücklichen, artgerecht auf grünen Wiesen gehaltenen Hühnern gibt: Ist euch das alles egal?

Tatsächlich ist es natürlich so: Wenn es etwas auch in bio gibt, nehmen wir's in bio, bis auf ein paar Ausnahmen, die aber nicht ursprünglich mit unserer Bosheit zu tun haben, sondern mit unserem endenwollenden Haushaltsbudget. Wir glauben an ökologisch bestelltes Land, saubere Gewässer und gesunde Tiere, deshalb kaufen wir im Bauernladen oder radeln freitags zu diesem suprigen kleinen Markt bei der Lerchenfelder Kirche und verteilen unter den Händlern kleine Vermögen für glücklichen Lardo vom Mangalitzaschwein, glückliche Bio-Essiggurkerl und glücklichen Bio-Paprika. Ich mache mehrmals wöchentlich einen Umweg, um den lässigen Biohändler, mit dem ich jetzt per du bin, zu unterstützen, indem ich das Dreifache zahle wie im Supermarkt, und zwar gern, denn dafür gibt's fantastisches Biobrot vom Kasses in Thaya, das Schremser aus der guten Waldviertler Familienbrauerei und absolut überglückliche Bio-Freilandeier, die ein grundgütiger Biobauer dem glücklichen Biohuhn mit liebevollen Worten abverhandelt, gepützelt, gestreichelt, gekost und zärtlich in ihr Pappmachéschachterl gelegt hat.

Aber wie ich letzten Dienstag das Biogemüse für das Bio-Wokgericht geschnippelt habe und eben die geraspelten Bioerdäpfel mit den Biozucchini zu Puffern zusammenmixen will, sind die glücklichen Eier aus. Nachbarin 1 ist nicht daheim, und Nachbarin 2 ist nicht daheim, also zieh ich die Pfannen vom Ofen und mir nochmal die Schuhe an, renne in den nächstgelegenen Supermarkt und kaufe die einzigen Eier, die es dort gibt. Und genau die sind noch im Kühlschrank, als die Mutter im Mitteilungsheft des Mimis die Nachricht entdeckt, das Kind habe bitte ein paar gekochte Eier zum Färben mit in die Schule zu bringen. Und jetzt sind wir's: ruchlose Hendlschänder, die marodierend durch Billigdiscounter ziehen; und das Kind gesellschaftlich ruiniert. Das pickt an uns, vermutlich für immer.


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