Neu im Kino

"Gibellina Il terremoto"

Lexikon | aus FALTER 16/09 vom 15.04.2009

Ein furchtbares Erdbeben machte im Jänner 1968 eine Kleinstadt auf Sizilien dem Erdboden gleich. Gibellina Nuova, ein neues Gibellina, wurde 18 Kilometer entfernt aufgebaut; die tragischen Überreste der alten Stadt goss ein Künstler später mit Beton aus - in etwa so wie den Reaktorblock nach der Katastrophe von Tschernobyl.

Ludovico Corrao, ein kunstsinniger Mann, wie sein weißer Strohhut auf den ersten Blick zu erkennen gibt, war 25 Jahre lang Bürgermeister der Stadt; sein Konzept des (moralischen) Wiederaufbaus der Gemeinde durch Kunst war indes nur bedingt Erfolg beschieden. Das neue Gibellina gleicht einer Geisterstadt. Auf den Straßen lassen sich kaum Menschen blicken, vor dem Gebäude des Tourismusbüros nur zwei streunende Hunde. Es sei halt keine sizilianische Stadt, bedauert der junge Anwalt, der heute das Bürgermeisteramt bekleidet, sondern "wie aus der Schweiz importiert".

"Gibellina - Il terremoto", der erste lange Regiefilm von Kameramann Joerg Burger, zeichnet sich durch hintergründigen Schmäh aus. Kommentarlos zeigt er die Artefakte und Bauten, die Italiens moderne Künstler seit den 70er-Jahren auf Einladung der Stadt hier errichtet haben. Die große Piazza heißt "Joseph Beuys"; das Dach einer neuen Kirche von Ludovico Quaroni stürzte 1972 noch vor der Eröffnung ein. Ziegenherden grasen neben der Baustelle; die Gottesdienste werden seither in der Schule oder dem Gemeindezentrum abgehalten.

Binnen einer Generation, erzählt der Apotheker, habe sich die Zahl der Einwohner halbiert, durch Abwanderung und eine stark erhöhte Selbstmordrate. Heute leben nur mehr rund 4000 Menschen in Gibellina, dem größten Freilichtmuseum moderner Kunst in Europa. Selbst die Mafia hat längst Reißaus genommen. MO

Ab Fr im Filmhauskino (OmU)

Gespräch mit Joerg Burger zum Film: Sa 21.00


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