Theater Kritik

Monumente bröckeln langsam

Steiermark | Gregor Schenker | aus FALTER 16/09 vom 15.04.2009

In Joseph Roths "Radetzkymarsch" steht der Untergang der Familie Trotta exemplarisch für den Untergang der Donaumonarchie. Das Schauspielhaus wagt sich an eine Bühnenadaption des Monumentalromans. Damian Hitz hat dafür eine tolle, karge und, mit einem Gleis zum Abtransport der Toten, symbolisch stark aufgeladene Bühne gebaut. Auch die Kontrastierung eines schwermütig scheppernden Blasmusiktrios, mit langsam schwelendem elektronischem Dröhnen, stellt eine konsequente klangliche Übersetzung von Zerfall und drohendem Tod dar (Musik: Patrik Zeller).

Diesen exquisiten Rahmenbedingungen kann das Geschehen leider lange nicht folgen. Die ersten 40 Minuten werden damit verzettelt, das Exposé herzustellen, indem im Eilzugstempo durch die wichtigsten Stationen der ersten Hälfte des Romans gedüst wird. Franz Solar ist dabei Umzugskaiser, da er in insgesamt fünf unterschiedlichen Rollen beinahe ständig auf der Bühne ist. Dabei werden die wichtigsten Eckdaten der Geschichte vom Diener Jaques (Publikumsliebling Otto David) erzählt. Das ist kein Kunstkniff sondern Kindertheater und bringt das engagierte Schauspielerteam um die Möglichkeit, sich der Geschichte wirklich anzunähern.

Erst im zweiten Teil der Aufführung, die konzentriert die morbide Stimmung des Grenzpostens wiedergibt, an dem Carl Joseph (Claudius Körber) stationiert ist, benützt Regisseur und Autor Ingo Berk (Mitarbeit am Text: Andreas Karlaganis) adäquate theatralische Mittel, um den Stoff auf der Bühne greifbar zu machen, verliert aber dabei seinen Antihelden Trotta aus den Augen. Dennoch gewinnt die Aufführung mit fortwährender Dauer an Intensität und Entschlossenheit, die Sprachgewalt Roths theatralisch zu übersetzen. Diese hätte man sich schon von Beginn an gewünscht.

Schauspielhaus Graz, So 15.00, Mi 19.30


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