Kunst Kritik

Am dritten Ort

Steiermark | Tiz Schaffer | aus FALTER 16/09 vom 15.04.2009

Der Soziologe Ray Oldenburg definierte den "dritten Ort" als öffentlichen Raum, wo man soziale Bindungen pflegt, und als Spielwiese des Konsums. Heute inszeniert die Shopping-Industrie dort das Spektakel. In weiser Voraussicht formulierte es Schiller in "Kabale und Liebe" folgendermaßen: "... der dritte Ort ist das Grab." Für die Ausstellung "Le Troisième Lieu - Der Dritte Ort" allerdings bezieht sich Anne Faucheret - die das erste Kuratorenstipendium am Grazer Kunstverein in Anspruch nahm - auf den französischen Theoretiker Jacques Schérer, der den dritten Ort als einen auf der Theaterbühne nicht sichtbaren Raum definierte, von dem aus dennoch gesprochen wird. In diesem Fall nutzen die sechs eingeladenen Künstler und Künstlerkollektive aus Paris, New York, Wien und Prag gleichsam den Grazer Kunstverein als einen Ort des freigeistigen, ungezügelten Denkens, der Hybridisierung von kulturellen Entwürfen, aber auch der Verschmelzung von wissenschaftlichen und künstlerischen Denkschemata. Der Prager Künstler Zbynek Baladrán etwa entwirft das wandfüllende "Glossary" als hemmungslos kombinierendes Assoziationsdiagramm. Das Deleuz'sche Rhizom lässt grüßen. Das Wiener Künstlerkollektiv GirlsOnHorses missbraucht die grafisch anspruchslosen Werbsujets von Plakatständern für subversive Statements: "Gegenüber wird Aufruhr inszeniert." Und elegant treibt Evariste Richer die Minimal Art auf die Spitze: Er erzeugt den grünen Strahl, der entsteht, wenn die Sonne hinter dem Horizont verschindet, für zwei Sekunden pro Tag auf künstliche Weise und bewegt sich so "zwischen vernünftiger Logik und irrationaler Faszination". Ähnlich wie die theoretisch konzentrierte und sehenswerte Ausstellung.

Grazer Kunstverein, bis 6.6.


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