Enthusiasmuskolumne

Diesmal: Der heroischste Antiheld der Woche

Feuilleton | Nicole Scheyerer | aus FALTER 16/09 vom 15.04.2009

Der Sieger der verlorenen Rennen

Bemerken Sie meine Kurventechnik?", fragt Jean-Pierre Léaud seinen Beifahrer in "Le départ" überstolz, als er endlich einen Porsche lenken kann. Den ganzen großartigen Film über versucht der manische Hallodri, seine Teilnahme an einem Autorennen zu sichern; schließlich verschläft er den Start in den Armen seiner neuen Geliebten.

Nur selten verfolgt Léaud ein so konkretes Ziel. In den meisten seiner Rollen gibt er den Unentschlossenen, Vagen, den Träumer, sentimentalen Helden oder Loser, den geschmiedete Pläne eher zu Fall als voranbringen.Diese in der Frühzeit liebenswürdigen, später oft nervigen Eigenbrötler, die derzeit in einer Schau des Filmmuseums zu sehen sind, verkörpert der Autodidakt Léaud ohne Schauspieltechnik, dafür durch seinen eigenen Stil.

Das Talent vor der Kamera scheint dem 14-Jährigen in die Wiege gelegt, als er die Hauptrolle in Truffauts "Les 400 coups" spielt und damit gleichzeitig zum Sohn und Geburtshelfer der Nouvelle Vague wird. In der Folge bemüht sich der jugendliche Ausreißer nach Kräften, erwachsen zu werden, aber immer wieder eignen ihm Regisseure wie Jean-Luc Godard oder Jean Eustache Rollen zu, in denen er zu eigensinnige, zu sensible Männer verkörpert.

Bis hin zu "Der letzte Tango von Paris", wo der Pariser Cinephile zur Antithese des erotomanen Zupackers Marlon Brando wird. Dennoch zeigt sein ernster Mund, der Vergleiche mit Buster Keaton hervorrief, unvergleichlich mehr Ausdruck als die Jagger-Lippen eines Jean-Paul Belmondo. Léaud ist ein Meister hoher Präsenz durch sparsame Gesten, deren einmalige Komik er im Alter noch einmal in Filmen wie "I Hired a Contract Killer" entfaltet. Dort fährt er sich wieder durch den (gut gefärbten) dunklen Schopf, setzt seine Annäherungs- und Kontrollversuche des weiblichen Geschlechts fort und schenkt dem Kino diese Momente, in denen ein leichtes Zucken der Mundwinkel mehr Beharrlichkeit verrät als alle Taten.


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