Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 16/09 vom 15.04.2009

Marktversagen, kurz vor Andritz

Das Wesen der Zeit zu ergründen würde viel zu lange dauern. Das kann niemand bezahlen. Sicher wissen wir nur, dass der Alterungsprozess sich vollgas beschleunigt, wenn man in den Vierer (oder Fünfer) Richtung Andritz steigt. Man ist dann umgeben von Frauen und Männern, die sich von ihrer Sturm- und-Drang-Zeit erzählen und jeden Satz mit einem "und hin und her" beenden. Dann wünschen sie sich frohe Ostern und einen guten Osterschinken. Mädchen vergleichen ihre Spaghettiträger-Shirts und sagen zu 22-Jährigen, dass sie für ihr Alter eh noch gut ausschauen. Die 27er-Kluft ist wissenschaftlich nachgewiesen: Wer dieses Alter erreicht, ändert entweder seinen Lebensstil (John Lennon) oder stirbt (Janis Joplin). Jesus machte eine Ausnahme, er war dreiunddreißig und starb um drei Uhr Nachmittag. Die Mädchen mit den Shirts reden so über Beziehungsprobleme: Der junge Mann, der seine Freundin betrügt mit einer anderen, die jetzt schmachtet, ist erstens ein Schwein und zerstört zweitens den Markt! Wenn das Singleangebot künstlich in die Höhe getrieben wird durch Singles, die gar keine sind, kann das der Markt nicht ausgleichen. Sie sagen: Markt. Die jungen Menschen sind also weit davon entfernt, ihren Glauben an den Kapitalismus zu verlieren, nur sagen sie mit Recht, es muss Grenzen geben, also: Spielregeln. Diese Erkenntnis haben sie kurz vor Andritz und sie hat sie in kurzer Zeit um Jahrzehnte altern lassen.

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten


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