Phettbergs Predigtdienst

Slow-Biedermeier oder: Search Levis & gay

Kolumnen | aus FALTER 16/09 vom 15.04.2009

Hermes Phettberg führt seit 1991 durch das Kirchenjahr

In einem Gedicht von mir heißt es: "Die Inszenierung wird müde" - "aber die Tage bleiben frisch gespannt", würde ich heute hinzufügen. Die Gedichtsammlung nenne ich "Weiß dir die Botschaft nicht zu sagen"; ich hab nur diese eine ungedruckte - und kein Mensch denkt daran, von mir irgendwas zu verlegen.

Von der Mama und ihren Hühnern im Elternhaus-Hof träumte ich beim Frühstücksschläfchen. Das Haus in Unternalb gehörte de facto nur vom Tode beider Eltern an mir; dann verkaufte ich es an meinen Halbbruder, denn die Exekution drohte. Ich hab's nur eine Nacht allein bewohnt, am Abend nach dem Begräbnis der Mama schlief ich darin. So fliegt alles dahin! Meine Eltern hatten es mir prophezeit, dass "ich noch oft an sie denken würde". Ja, jetzt kann ich nur mehr weinen. Ich konnte weder das Haus erhalten noch das Grab der Eltern. All die Jahre gießen mein Bruder und seine Frau das Grab. Ich könnte wetten, dass immer Kerzen und frische Blumen am Grab stehen. Und ich lass sogar alle Pflanzen eingehen. Sogar den riesen Benjamini-Vici - oder wie das Riesengewächs sonst heißt, das all die Jahre neben meinem Computer und meinen Predigtdiensten verdorrte.

Eben schaue ich via YouTube und die Suchwörter "Levis" und "gay" einen Burschen im Urwald, mit Bluejeans am Leib, der komplett barfuß im total weichen Boden herumgeht, dann ausrutscht und totale Freude am Schlamm findet und nicht aufhören kann, sich gütlich zu beschmutzen. Stunden um Stunden kann ich mir so was als "Zimmerspringbrunnen" anschauen. Mir kommt es vor, wie wenn ich bei der Geburt einer neuen Lebensart dabei wäre: Search "Levis" &"gay": Das ist meine Heimat im Slow-Biedermeier - bloß keinen Millimeter Veränderung!

Den ganzen Tag schaue ich mir hunderte Male die immer gleichen Filme von Schwulen in zum Platzen angefüllten und versauten Jeans an: Die einzige Liaison, die ich sexuell je schaffte ... Ohne Ende schau ich die. Ich glaub, die Zeit geht vor allem den Taxi-Fahrys ab, denn ich werde immer seltener Taxi-Geld brauchen. Denn es hat noch nie wer sich gefreut, wenn ich in einem der SM-Lokale auftauchte. Immer lümmelte ich an den Bars herum und konsumierte eh nichts.

Die ungekürzte Version des Predigtdienstes ist über www.falter.at zu abonnieren.

Unter www.phettberg.at ist wöchentlich neu zu lesen, wie Phettberg strömt


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