Fragen Sie Frau Andrea

Am Graben: Kunstrasen oder Teppichplüsch?

Kolumnen | aus FALTER 16/09 vom 15.04.2009

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

in der Wiener Innenstadt finden Umbauarbeiten statt. Jedenfalls hat man am Graben den Straßenbelag durch Kunstrasen ersetzt. Wäre im roten Wien nicht ein roter Teppich naheliegender gewesen ( wobei Frau Stenzel, die Besitzerin der Innenstadt, ja eher ÖVP ist)? Woher kommt denn der rote Teppich, und was hat er zu bedeuten? Richard aus der Leopoldstadt, per Elektropost

Lieber Richard,

die Urahnin der Wiener Fußgängerzone wurde schon in den 1920er-Jahren in Essen angelegt. Das Konzept einer verkehrsbefreiten Einkaufsmeile sollte nach dem Zweiten Weltkrieg in den devastierten deutschen Innenstädten zu einem Reigen an Pedonalisierungen führen. 1953 wurde in Kassel die erste moderne Fuzo eröffnet, Kiel und Stuttgart folgten. Mittlerweile hat sich auch das kleinste Nest dem Phantasma der Flanierzonen ergeben.

In Wien brachte der U-Bahn-Bau den Impuls zur Pedestrifizierung. Ein erstes Provisorium, der "Weihnachtskorso" von 1971 auf der Kärntner Straße, war so erfolgreich gewesen, dass es unbefristet verlängert wurde. Seit den späten 70ern ist die Wiener Fußgängerzone urbane Realität. 30 Jahre später sollen die Spuren, die Milliarden müde Touristenschritte und Millionen morgendliche Lastwagenfuhren in den Pflasterungen von Kärntner Straße, Kohlmarkt und Graben hinterlassen haben, saniert werden. Eben wird eine neue Oberfläche installiert. Statt durchgeknallter Trinkbrunnen wird es Magnolienbäume geben, der Schanigartenwildwuchs wird neu frisiert.

Der von Ihnen beobachtete, sicherlich provisorische Kunstrasen mag ein schlecht kommuniziertes Kunstprojekt sein, wobei als Urheber nicht unbedingt an Künstler gedacht werden muss. Auch eine Autorenschaft von Magistratsbeamten ist denkbar. Das Verlegen eines roten Teppichs sollte bei allem Verständnis für die Regentschaftsrituale der Bezirksvorsteherin nicht befürchtet werden. Die moderne Sitte, bei VIP-Alarm rote Läufer zu verlegen, darf trotz aller Verdachtsmomente in Richtung Mittelalter in den USA verortet werden. 1902 verlegte die New York Central Railroad den ersten roten Plüsch. Als Leitsystem, um Passagiere des 20th Century Limited zu navigieren, des Eilzugs New York-Chicago, zu seiner Zeit die wichtigste Zugverbindung der Welt.


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