Vor 20 Jahren im Falter

Wie wir wurden, was wir waren

Falter & Meinung, FALTER 17/09 vom 22.04.2009

Wie der ORF den 100. Geburtstag Charlie Chaplins verpatzte

So was könnte nimmermehr passieren. Vor 20 Jahren beklagte sich Hans Hurch im Falter darüber, wie der ORF Charlie Chaplins 100. Geburtstag versemmelte.

"Es gibt im Grunde für das Fernsehen nur eine Art und Weise, das Werk eines Filmemachers wie Charlie Chaplin zu würdigen: seine Filme zu zeigen. Und das zur besten Sendezeit und ohne eine Fernsehansagerin vorher, die mit kindlich verstellter Stimme vom, kleinen Charlie mit seinen großen Latschen' erzählt.

So einfach wäre das, und doch hat sich der ORF etwas Besonderes einfallen lassen:, Ein Fest für Charlie'. Mit dem Ergebnis - ein Blick in den Programmteil jeder ausländischen Zeitung bestätigt das -, dass keine Fernsehanstalt der Welt Charlie Chaplin auf vergleichbar schäbige und ignorante Weise übergangen hat, wie am 16. April im österreichischen Fernsehen geschehen. Das portugiesische Fernsehen widmete Chaplin ein mehrstündiges Programm, in Frankreich gab es nicht weniger als 13 Termine mit wichtigen Arbeiten Chaplins, allein Bayern III zeigte mit, The Circus',, The great Dictator' und, Monsieur Verdoux' drei Hauptwerke dieses vielleicht größten und populärsten Filmemachers und Schauspielers ever. Der ORF hingegen rechnete mit Charlie in Sekunden ab. 51 Sekunden um 12.10 Uhr, oder 49 Sekunden um 22.25 Uhr, als Pausenfüller.

Keine einzige wichtige Arbeit Chaplins war an diesem Tag zu sehen, mit Ausnahme von zwei Kurzfilmen nur Stückwerk, teils nicht einmal eigenständige Arbeiten, Ausschnitte, Reste, dazu in falscher Laufgeschwindigkeit, manches seitenverkehrt projiziert und alles mit einer so unglaublich dummen und frechen Mischung aus Synchronisation und Kommentar versehen, dass diese kleinen stummen Filme, jeder für sich noch als Fragment ein Wunderwerk an Bewegung, Witz und filmischer Ökonomie, vollends bis zur Ungenießbarkeit verblödelt wurden., Schwuppdiwupp' hieß es da,, das ging ja wie geschmiert', oder, Verdammt, da hat Charlie noch einmal Schwein gehabt, jetzt kommt Fürst Kasimir', und dazu schmatzende Kussgeräusche und quietschende Bremsen.

Die Kosmonauten der laufenden russischen Weltraummission hatten vor ihrem Abflug ins All eine Kassette mit Charlie Chaplins, The Goldrush' mitgenommen, um in ihrer Sojus-Raumstation Chaplins Geburtstag zu feiern. Ja, hinter dem Mond müsste man sein." AT

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FALTER 26/19
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