Enthusiasmuskolumne

Diesmal: Der beste Job der Welt der Woche

Tex Rubinowtz | aus FALTER 17/09 vom 22.04.2009

Kirschblüten und Kopfschuppen

Letzte Woche schneiten die letzten Kirschblütenblätter in Tokio von den Bäumen, das ist der magische Moment, den die Japaner Sakura Fubuki, Kirschblütenschneesturm, nennen, der zweiwöchigen sedativen Kollektivekstase folgt die Trauer über alle Vergänglichkeit, jetzt sehen die Straßenränder aus wie die Schultern eines unter Seborrhoischen Ekzemen Leidenden, also einem mit Kopfgneis.

Aus Empathie- und Mimikrygründen kaufte ich mir eine schwarze Schuluniform (Gakuran), die Jacke hat goldene Knöpfe, charakteristisch ist der enge Kragen. Dies liegt daran, dass die Grundform von der japanischen Uniform des Heeres abgeleitet wurde, die wiederum auf preußischen Vorbildern basiert, und als Militarismuskritik kommen Schuppenepauletten prima. Andererseits sieht man damit auch aus wie ein Liftboy, und das prädestiniert für den besten Job, den man in dieser Branche bekommen kann: Aufzugs-DJ.

Rein zufällig, es kann sich ja immer eine Gelegenheit bieten, schleppe ich, wenn ich verreise, immer circa 30 Doo-Wop-Singles mit mir herum, damit kann man mal eben eine gute Stunde beschallen. Und nun fügte es sich, dass die Künstlergruppe Gelitin in Tokio ihre erste Ausstellung in der Galerie Tomio Koyama hatten, im siebten Stock in einem Lagerhaus, das man nur über eine Rampe und einen Lastenaufzug erreichen kann. Die Ausstellung ist fantastisch, poetisch, sie haben einen großen Zengarten gebaut, schön geharkt der Schotter, und statt der Bäumchen von unten durch Löcher gedrückte Körperteile der Künstler und Galerieangestellten, wie von Geistern, und im Aufzug sitze ich an einem kleinen Batterieplattenspieler und spiele knisternden Doo Wop, The Orioles, The Dell Vikings, The Students (genau, das bin ja ich), und immer wenn die Tür aufgeht, fangen die vom Kirschblütenschneesturm betrübten Japaner an, sich zu freuen, Doo Wop als globale Sprache der Versöhnung und des Trostes.

Ich könnte auf mich selbst neidisch werden.


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