Hundert Jahre Zeitausgleich

Befindlichkeitskolumne

Steiermark | aus FALTER 17/09 vom 22.04.2009

Dramatiker Johannes Schrettle ist zwar kaum in Graz, dennoch weiß er immer was von dort zu berichten

Die Schönheit der kaukasischen Flügelnuss

Eines der schönsten Wörter, die uns die deutsche Sprache geschenkt hat, ist Flügelnuss. Noch schöner: die kaukasische Flügelnuss. Sie steht im Stadtpark und ist mindestens 120 Jahre alt, weswegen sich zwangsläufig Denkmal- wie auch Naturschutz für sie interessieren. Denkmal- und Naturschutz sind beide daran interessiert, dass möglichst viel so bleibt, wie es war, während die Punks, die im Schutze der kaukasischen Flügelnuss ihre Lieder singen, ihre Mittel einnehmen, ihre Kolleginnen küssen, eher dafür sind, dass alles anders wird.

Sie achten kalte Stahlstifte durch Mund und Augenbrauen mehr als schlichten Holzschmuck, elektrisch verzerrte Gitarrensounds sind ihnen mehr Heimat als naturverbundenes Hippie-Geklimper. Im Falle der Flügelnuss könnte es aber zu einer Lösung kommen, die sowohl Natur- wie auch Punkschutz zufriedenstellt: Die brüchigen Äste des ehrwürdigen Baumes mit dem wunderschönen Namen könnten mit einer 18 Meter hohen Konstruktion aus blankem Stahl beidseitig gestützt werden. So wird der Natur ein wenig unter die Arme gegriffen, und so wird der Park immer mehr zu einem wunderschönen Museum, in dem man aber nach wie vor Alkohol trinken darf, wenn man das Mindestalter überschreitet, und nicht gegen die Grundsätze der Schicklichkeit verstößt, wie es das Landessicherheitsgesetz vorschreibt. Und die Flügelnuss nicht berührt.


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