Doris Knecht

Künftig will ich grantig sein

Selbstversuch

Kolumnen | aus FALTER 17/09 vom 22.04.2009

Weil unser verblendetes Kindsvolk unbedingt beim Wien-Marathon mitlaufen will (Kinderlauf, Medaille!), dürfen wir nicht ins Waldviertel fahren. Nicht in der Scholle wühlen. Nicht am Lagerfeuer Wein trinken. Nicht den gruseligen Rohbau der Nachbarn hinter fette Platanen oder ins nächste Dorf imaginieren. Das von studierten Meteorologen versprochene schlechte Wetter, das diesen Umstand leichter verschmerzen ließe, bleibt aus: Die Sonne lacht am Freitag und am Samstag, also treffen wir uns, wenn wir schon in der Stadt sein müssen, wenigstens mit den Finks zum Mittagessen im Kent.

Der Fink kommt zuerst und informiert uns gleich darüber, dass er jetzt ein neues Daseinskonzept hat, er will künftig grantig sein. Das ewige Lustigsein habe sich abgenutzt, fertig jetzt. Das macht mir keine großen Sorgen, weil im genetischen Bauplan vom Fink zwar alle möglichen Abweichungen von der humanoiden Standardverfasstheit vorgesehen sind, aber Grant gehört nicht dazu. Grant müsste der Fink sich in eigenen Grantkursen mühsam aneignen, dafür ist er zu alt und zu träge.

Dann kommt das Kind vom Fink mit der Frau Fink, die ist auch grantig, aber echt, und zwar aus vielerlei überaus nachvollziehbaren Gründen, von denen, vermute ich einmal, die meisten im Kontext ihres Zusammenlebens mit dem Fink stehen. Aber die Finks kennen wir schon so lange, dass das wurscht ist, wenn sie beim Mittagessen einmal grantig sind, und schließlich erleben die uns auch nicht immer sonnig; also mich schon, aber den Langen nicht. Der Lange hat das Grummelige nämlich im Unterschied zum Fink außerordentlich in der Genetik, wenn man nicht überhaupt vom Grummeligen als des Langen charakterlichem Fundament sprechen will. Und schlimm ist es ja nur, wenn die immer sonnigen Paare bei so einem Essen plötzlich übereinander herfallen, sodass man den Wunsch, das Mittagessen ganz am WC zu verbringen, irgendwann gar nicht mehr unterdrücken kann. Bei den Finks und uns ist das nicht so. Wir sind einander gewohnt.

Alle essen das Übliche, Omeletts, Hühnerspieße, Köfte mit Pommes, nur ich bin mutig genug, den neu angebotenen Mozzarellasalat zu testen. Tun Sie das nicht. Dann müssen die Finkin und das Finkkind zu einem Kindergeburtstag, also überantwortet die Fink dem Fink den Wochenendeinkauf. An dieser Stelle versucht es der Fink kurz mit seiner neuen Daseinsidee, findet aber in seiner Frau einen in dieser Hinsicht gut trainierten und unbezwingbaren Gegner. Die Finkin sagt: Zwiebeln, Essiggurkerln, Erdbeeren und Lammkoteletts. Der Fink entsinnt sich einer seiner Abweichungen und ruft: Wo um ALLES in der Welt soll ich jetzt noch LAMMKOTELETTS herbekommen? Wir befinden uns, zur Erinnerung, mitten am türkisch dominierten Brunnenmarkt. Das ist unser Fink, so haben wir ihn lieb; auch wenn die Finkin die Augen rollt, und mit was, mit Recht.


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