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Bücher, kurz besprochen

Politik | Matthias G. Bernold | aus FALTER 18/09 vom 29.04.2009

Von Arena bis Zwentendorf

"Die Stadt war nicht tot, aber sie roch so", erinnert sich Georg Friesenbichler an das Wien der frühen 70er-Jahre. Die Lokale nachts ab halb zwölf geschlossen, die Straßen menschenleer und nichts Gescheites im Fernsehen. Mit Schulfreunden flüchtete der damals 16-Jährige ins Überschwemmungsgebiet, nur um dort "mit Zorn und Wehmut" festzustellen, "dass uns dieses Refugium durch den Bau der Donauinsel geraubt wurde". Zorn über Umweltsünden und über verkrustete gesellschaftliche Verhältnisse erzeugte die Politisierung und das Lebensgefühl der Generation 1978, mit der sich Friesenbichler (Jg. 1956) in seinem Buch befasst. Auf ebenso sachkundige wie unterhaltsame Weise beschreibt der Journalist jene gesellschaftliche Revolution, die in Österreich mit zehnjähriger Verspätung einsetzte. Mehr als nur politische Zeitreise, ist das Buch auch eine Reise durch Friesenbichlers eigene Vergangenheit. Der Autor schlief wochenlang im Auslandsschlachthof St. Marx, um für die Arena zu kämpfen. Nahm an Sitzblockaden in der Hainburger Au gegen den Bau des Donaukraftwerks teil. Tauchte ein in die schrille linke Szene aus Maoisten, Trotzkisten, Spontis und Stadtindianern. Worin besteht die Bedeutung der 70er aus heutiger Sicht? Für Friesenbichler ist es neben dem Beginn der Grün- und Frauenbewegung vor allem eines: "Ziviler Ungehorsam wurde in Österreich zu einem akzeptierten Wert."

Georg Friesenbichler: Unsere wilden Jahre - die Siebziger in Österreich. Böhlau, 266 S., € 29,90


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