Fragen Sie Frau Andrea

Moses, der Prophet und das Schweinefleisch

Kolumnen | aus FALTER 19/09 vom 06.05.2009

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

täglich jagt eine Schreckensmeldung die andere, die Schweinegrippe greift um sich, eine Pandemie droht. Das Schwein ist böse! Wussten das schon die Schreiber des Alten Testaments?

Elisabeth Cahon, per Elektropost

Liebe Elisabeth,

mit Schweinegrippe wird eine Infektionserkrankung mit dem Humaninfluenzavirus A/H1N1 bezeichnet. Mit Kaschrut und Halal, den religiösen Vorschriften von orthodoxen Juden und strenggläubigen Moslems den Konsum von Schweinefleisch betreffend hat diese virologische Erkenntnis indes nichts zu tun. Auch die Tatsache, dass Schweinefleisch mit Fadenwürmern befallen sein kann, hat auf die Speisegesetze keinen Einfluss.

Für Juden ist laut Moses 3. und 5. Buch Wajikra (Leviticus) 11,7-8 und Debarim (Deuteronomium) 14,8 der Konsum von Schwein deswegen verboten, weil es, obzwar es ganz gespaltene Hufe hat, nicht wiederkäut. Im Koran beschäftigen sich die Verse 2:173 und 16:115 mit dem Verbot von Schweinefleisch. Frühe Exegeten haben die orientalischen Schweinefleischtabus damit erklärt, dass Schweine sich mit Vorliebe im Dreck wälzten und deshalb im hygienischen Sinn als "unrein" gälten. Archäologische Funde belegen, dass im Nahen Osten zur Zeit des Neolithikums Schweine gehalten wurden. Mit dem Verschwinden schattenspendender Eichen- und Buchenwälder sei es, so der Anthropologe Marvin Harris, ökologisch unklug gewesen, Schweine zu halten. Im Gegensatz zu Wiederkäuern können sie keine Pflanzen mit hohem Zellulosegehalt verdauen. Als Haustiere müssen sie statt mit Gras mit Getreide oder anderen Feldfrüchten gefüttert werden. Dadurch wurden sie zu direkten Nahrungskonkurrenten des Menschen.

Unter der religiös-ökonomisch argumentierten Schicht verbirgt sich indes ein noch viel größeres Tabu. Weil Schweine auch Fleisch und Aas konsumieren, machen sie als bodengrabende Tiere auch davor nicht halt, flache Gräber zu öffnen und von menschlichen Leichen zu fressen. Ein ähnliches Tabu entstand für indonesische und thailändische Fischer nach der Tsunamikatastrophe vom 26. Dezember 2004. Sie weigerten sich, ihrem Beruf weiter nachzugehen, weil Fische, so ihr Verdacht, von den durch den Tsunami ins Meer gespülten Toten äßen.


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